Seit Ende März leben die Arbeiter der Flughafenbaustelle Calden in einem Arbeiterdorf

Nachbarn im Container

Wie ausgestorben: In das Containerdorf der Flughafenbaustelle Kassel-Calden kehrt erst mit der Rückkehr der Bauarbeiter am Abend wieder Leben. Foto: Mohr

Calden. Dichte Staubwolken wirbeln über den Containerparkplatz der Flughafenbaustelle Kassel-Calden. Gedämpft hört man den Lärm der großen Bagger, Raupen, Radlader und Lkw. Es ist Mittag. Von 7 bis 19 Uhr ist das Arbeitercamp wie ausgestorben.

Lediglich in der Ferne tanzen vereinzelt Punkte in neongelb und orange - die Warnwesten der Arbeiter.

Im Baustellencamp selbst ist es still. Die orangenen und weißen Container funkeln in der Sonne wie polierter Chrom. Insgesamt 58 Wohn-, sechs Sanitär-, ein Aufenthalts-, ein Kühlcontainer, ein kleines weißes Zelt und zehn private Wohnwagen sowie ein Parkplatz sind wie eine eigene kleine Welt vom Rest des großen Baugeländes am Flughafen mit Zäunen abgetrennt. Hier, mitten auf dem Baustellengelände leben etwa 50 Arbeiter auf engstem Raum. Einige der Bewohner ziehen bereits seit Jahren von Baustellencamp zu Baustellencamp, von Container zu Container.

Im Inneren der Wohneinheiten ist es kühl - kühler, als auf dem extra für das Arbeiterdorf asphaltierten Parkplatz. Der Geruch von frisch verklebtem grauen PVC liegt in der Luft. Röhrenlampen tauchen das Innere des Containerflurs, von dem die einzelnen Zimmer abgehen, in gedämpftes Licht. Jeder Schritt verursacht ein leises Quietschen und hallt in dem langen orangenen Flur nach.

Hinter den Türen verbergen sich je 15 Quadratmeter. Darin untergebracht ein kleines Einzel- oder Stockbett, ein Schreibtisch, eine kleine Kochnische - alles in sterilem Weiß. Abgetrennt ist ein kleines Bad mit Waschbecken, Toilette und Dusche.

Durch die heruntergelassenen Rolladen dringen vereinzelte Sonnenstrahlen. Sie tauchen private Gegenstände wie Poster, Laptop, Kalender oder Fotos der Liebsten in Dämmerlicht. Vom angrenzenden Aufenthaltsraum dringt der Geruch frischer Bockwürstchen in die Anlage. Pünktlich bereitet Sigrid Püschel dort das Essen für die Männer.

Schon seit zwölf Jahren lebt sie fünf Tage die Woche auf verschiedenen Baustellen. „Mittags kommen nicht alle zum Essen. Die meisten essen erst abends“, sagt Püschel und wendet die Würstchen im Kochtopf. Dabei ist es im leeren Aufenthaltsraum bis auf das Zischen des kochenden Wassers und die röhrenden Motoren der nahenden Baustellenfahrzeuge vollkommen still.

Von Julia Mohr

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