"Achtungserfolg"

In der Normalität gelandet: Kassel Airport legt langsam zu

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Das Terminal des Kassel Airport in Calden.

Vor einem Jahr entschied sich die schwarz-grüne Landesregierung für den Erhalt des Kassel Airports. Seitdem ist am umstrittenen Regionalflughafen Normalität eingekehrt. Es geht aufwärts.

Calden - Daniel und Anna Mazurek wurden gewarnt: vor dem Regionalflughafen, an dem selten ein Flieger abhob. Vor dem Airport, über den sich TV-Komiker lustig machten. Nun steht das Paar aus Bad Hersfeld mit Sohn Philipp in der Halle des Kassel Airports und ist vom stressfreien Check-in begeistert. "Wir wollen nirgends anders mehr abfliegen - am besten nur noch Kassel-Calden", sagen sie und gehen zur Sicherheitskontrolle. Die Schlange dort ist kurz, obwohl der Flug nach Fuerteventura bald startet.

Auch Sandra Scholz und ihre Familie sind zum ersten Mal in Calden. Die Weimarer haben nach günstigen Preisen gesucht und schließlich ab Calden gebucht. Der Flughafen habe ein "komisches Image" gehabt, sagen sie. Dabei sei alles in Ordnung. Besonders die kostenlosen Parkplätze verblüffen die Familie.

Kassel Airport galt Kritikern als Millionengrab

Seit seinem Ausbau im Jahr 2013 ist der Kassel Airport von Krise zu Krise geschlittert: Flüge fielen aus, Fluggesellschaften zogen sich zurück, im Herbst 2016 stand man ohne Linienverkehr da. Das Projekt nahe der nordhessischen Gemeinde Calden bei Kassel galt Kritikern als 280-Millionen-Euro-Grab. Die Gegner wollten den Airport zum Verkehrslandeplatz zurückstufen. Doch Ende 2017 entschied die schwarz-grüne Landesregierung: Calden bleibt Flughafen.

Dabei ist der Betrieb defizitär und wird es zunächst bleiben. Rund sechs Millionen Euro im Jahr fehlten zuletzt. Bei den Passagierzahlen meldet der Kassel Airport Rekorde - die allerdings durch die niedrigen Werte der Vorjahre bedingt sind. Mit über 130.000 Passagieren in 2018 hat man die Zahl des Vorjahres fast verdoppelt. Allerdings ist man von alten Prognosen - 497.000 Passagiere im Jahr 2024 - und Konkurrenten weit entfernt. Der Regionalflughafen Paderborn hatte 2017 über 560.000 touristische Passagiere.

Trotzdem sei die Steigerung der Passagierzahlen in Calden ein "echter Achtungserfolg", sagt Yvonne Ziegler, Professorin für Luftverkehrsmanagement der Frankfurt University of Applied Sciences: "Andere Regionalflughäfen, wie Bremen, Weeze und Hahn verzeichnen aktuell Passagierrückgänge, weil deren Hauptkunde Ryanair Flüge verlagert."

Allerdings sei die Verdoppelung der Passagiere am Flughafen Kassel auch nur einem einzigen Kunden, nämlich der Fluggesellschaft Sundair geschuldet. "Eine solche Abhängigkeit von einem Kunden ist entsprechend wieder kritisch zu sehen", erklärt Ziegler. Die Nutzung der Flughafeninfrastruktur mit höchstens einem bis zwei Flügen pro Tag, sorge nach wie vor nicht für eine ausreichende Auslastung der Infrastruktur. "Die Erlöse dürften vermutlich kaum die verursachten Kosten decken." Aber immerhin werde die Infrastruktur jetzt endlich überhaupt genutzt.

Durch die Fortschritte ist der frühere Problem-Flughafen zur Ruhe gekommen. Von einer "Normalität des Luftverkehrs", die in den Köpfen angekommen sei, spricht Flughafen-Chef Lars Ernst. Es falle zwar auch mal ein Flug aus. Das geschehe aber an anderen Airports ebenfalls. Außerdem heben deutlich mehr Flugzeuge in Calden ab als früher. Ausfälle hätten daher weniger Gewicht.

Dass das Land sich gegen eine Rückstufung entschied, habe positive Effekte: "Wir haben bei den Mitarbeitern gespürt, dass ein enormer Druck nicht mehr da ist", sagt Ernst. Geschäftspartner des Flughafens merkten, "dass sie langfristig planen können".

Land bleibt größter Anteilseigner des Airports

Selbst die Austrittsdrohungen des kleinsten Flughafengesellschafters sind vom Tisch. Die 7900-Einwohner-Gemeinde Calden ächzte unter dem Defizit, den die Gesellschafter gemäß Anteilen tragen. Vergangene Woche wurde eine Einigung bekannt. Landkreis und Stadt Kassel übernehmen je 1,5 Prozent (nun je 14,5 Prozent) von Calden (nun 3 Prozent). Das Land bleibt größter Anteilseigner mit 68 Prozent.

Zu Wachstumsfantasien und Spekulationen über neue Fluggesellschaften lässt sich Ernst nicht hinreißen: "Erstmal muss sich der Flugplan stabilisieren", sagt er. Man wolle die Zahlen sukzessive steigern und "den Markt mitnehmen". Hoffnungen ruhten einst auf dem Frachtgeschäft. Doch nachdem Versandhändler Amazon seine Frachtflüge einstellte, brachen die transportierten Mengen ein. Nun müsse man abwarten: "Potenzial können wir nicht generieren", erklärt Ernst.

Finanziell lässt sich die Flughafen GmbH nicht in die Karten gucken. Das voraussichtliche Defizit für 2018 ist noch unklar. Man werde die Vorgaben aber einhalten, versichert der Airport-Chef. Der Flughafen musste bisher den Verlust jedes Jahr um zehn Prozent senken - was rein rechnerisch durch einen hohen Defizitabbau 2015 erfüllt wurde. In ihrem neuen Koalitionsvertrag haben CDU und Grüne vereinbart, dass die Zuschüsse des Landes für den Flughafen bis zum Jahr 2025 auf sechs Millionen Euro pro Jahr reduziert werden. Grundsätzlich halten die Bündnispartner aber an dem Flughafen fest.

Die Politikerin Steffi Weinert sitzt für die Grünen im Kasseler Kreistag. Sie war eine Flughafengegnerin der ersten Stunde. Die Situation des Airports beurteilt sie eher kritisch: "Die Passagierzahlen sind etwas angestiegen, stehen aber in keinem Verhältnis zu den Kosten", sagt Weinert. Ein Patentrezept weiß sie auch nicht: Man könne das Defizit senken, aber sicher nicht wegbekommen. "Ich glaube nicht, dass der Flughafen plötzlich abhebt." (lhe)

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