Eine Reportage aus Calden

Nordhessens Schlupfloch in die Welt: So viel Heimat steckt im Kassel Airport

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Wer kennt Oskar? Der kleine Teddy ist ganz allein im Ankunftsbereich zurückgeblieben. Seit dem 13. Juli wartet er darauf, nach Hause zurückgeholt zu werden.

In nordhessischer Hügellandschaft liegt der kleine Kassel Airport – ein Schlupfloch in die Welt. Die einen schimpfen, die anderen nennen ihn liebevoll „Heimatflughafen“. Wir haben uns bei Urlaubern, Mitarbeitern und Bistrogästen umgehört: So heimelig ist es an unserem Flughafen.

Wer diesen Flughafen betritt, hat schnell alles gesehen: Ein Bistro, einen Infoschalter, ein Kiosk, insgesamt zehn Check-In-Schalter. Mehr gibt es hier nicht, mehr braucht es nicht. „Heimatflughafen“, nennt ihn die Angestellte am Infoschalter, Angelika Schmidt-Schulz, und lächelt. „Wohlfühlflughafen“, schiebt sie nach. Der Kassel Airport verbindet Nordhessen mit Ländern wie Ägypten, Griechenland oder Spanien. Seit Kurzem sogar mit einem eigenen Sundair-Airbus

Zuvor hatte es heftige Kritik gehagelt: Da der Airbus nicht rechtzeitig am Flughafen eingesetzt werden konnte, trat wochenlang ein Ersatzflugplan in Kraft, es gab Verspätungen und Stornierungen, einige Passagiere kamen ohne Gepäck am Urlaubsort an. Und schon lange vor Eröffnung des Neubaus gab es negative Schlagzeilen: So explodierten während der Bauzeit die Kosten. 2001 war zunächst von 89,9 Millionen Euro gesprochen worden, 2016 lag man dann bei 282 Millionen Euro. Kritisiert wurde unter anderem auch, dass der Airport für hohe Summen ausgebaut wurde, obwohl sich 70 Kilometer entfernt der Flughafen Paderborn-Lippstadt befindet, für den Calden eine Konkurrenz darstellt.

Dennoch gibt es sie, die Freunde des Flughafens, lächelnde Mitarbeiter und einige Passagiere: Allein im August sind in Kassel über 10.000 Menschen gelandet oder abgeflogen. Der Flughafen ist ein kleines Schlupfloch, ein Fenster, durch das die Welt nach Kassel hereinschaut – und Kassel in die Welt. Wir haben uns in der Wartehalle, im Bistro und im Travel Value Shop umgeschaut: Wie viel der nordhessischen Heimat findet sich zwischen Reisenden und Flugzeugen?

Sie liebt das Flughafen-Gefühl: Für Angelika Schmidt-Schulz ist der Kassel Airport der "Heimatflughafen".

„Ding Dong“ macht es und Schmidt-Schulz rückt nah an ihr Mikro heran. „Die Check-In-Schalter nach Palma de Mallorca sind jetzt für Sie geöffnet“, sagt sie und ihre Stimme schwebt über die Schlange aus Urlaubern hinweg. Langsam rücken sie vor, schieben ihre Koffer, ihre Taschen näher an das Gepäckband heran. Manche tragen ein Lächeln auf den Lippen, andere ein Smartphone in den Händen, sie fotografieren sich selbst oder die Halle. „Die Leute sind schon auf einem anderen Level“, erklärt Schmidt-Schulz. „Umgepolt auf Urlaub.“ Die 56-jährige liebt ihren Job im Fluggastservice, die Reisenden, das Flughafengefühl. Sie genießt vor allem kniffelige Aufgaben. Einmal waren Muslime auf der Suche nach einem Gebetsraum – und die 56-jährige Ihringshäuserin hat sie zum Beten kurzerhand in den Sanitätsraum geführt. „Man muss spontan sein“, sagt sie. Am liebsten wäre auch sie in zwei Stunden woanders, in Griechenland oder Spanien zum Beispiel. Doch sie fliegt nicht oft, sie bleibt in Ihringshausen. „Heimat ist wichtig, es ist alles, was einem vertraut ist. Sicherheit.“

Extra von Würzburg angereist: Familie Nerl (von links: Celina, Melanie, Marcel und Gerald) gefällt der kleine Airport Kassel.

Vertraut ist ihr auch der Flughafen. „Er ist klein, gemütlich, übersichtlich.“ Für sie ein großer Vorteil gegenüber riesigen Flughäfen wie dem in Frankfurt. Der gleichen Meinung ist auch der zehnjährige Marcel Nerl. Er ist heute mit seiner Familie zum ersten Mal am Airport – und mag ihn. „Er ist nicht so voll“, sagt der blonde Junge. Die Nerls sind extra von Würzburg aus angereist. Ihr Auto haben sie schon am frühen Morgen durch die nordhessische Hügellandschaft gelenkt und auf einem der kostenfreien Parkplätze abgestellt. 750 sind es an der Zahl – 750 Argumente für Menschen aus ganz Deutschland, in Nordhessen abzuheben. Wer über den Parkplatz schlendert, entdeckt unter anderem Kennzeichen aus Bielefeld, Marburg, Neustadt an der Aisch und Saale in Thüringen, nur vereinzelt liest er KS oder HR.

„Wir haben einen sehr guten Eindruck“, sagt Marcels Vater, nachdem die Familie die Sicherheitsschleusen passiert hat. „Der Flughafen ist übersichtlich.“ 

Der Urlaub fange schon hier an, findet Katharina Bronski. Die 40-Jährige mit den dunkelblauen Augen steht an der Kasse des Travel Value Shops und verpackt Kaugummis, Cremes und Nüsse in Klarsichttüten.

Sie mag die kurzen Wege des Flughafens: Katharina Bronski steht heute an der Kasse des Travel Value Shops.
Weitere Themen rund um unser Monatsmotto "Heimat - willkommen zu Hause" findet ihr hier.

„Eine schöne Reise“, wünscht sie ihren Kunden und lässt Kleingeld in die Kasse fallen. Die kurzen Wege seien ein großer Vorteil. Manche Urlauber seien dadurch so relaxed, dass sie bereits im Flughafen auf ihren Malle-Urlaub anstoßen. „Manchmal wird hier vorgeglüht.“ Im Wartebereich sitzen heute vor allem Familien und Paare, es riecht nach Parfüm. Bevor die Passagiere Kassel verlassen, sprühen sie sich neue Düfte auf die Handgelenke. Nur mal testen – ein Kurzurlaub für die Nase. Duftend setzen sie sich dann auf die schwarzen Sitzbänke, überschlagen die Beine, warten.

Mit ihnen warten auch Hannelore Galitzki und Karl-Hermann Hopf. Beide sind 76 Jahre alt und kommen aus Hombressen. „Ein tolles Dorf“, sagt er. „Aber meine Heimat ist das nicht“, sagt sie. Zwar lebe sie seit 73 Jahren dort, mit ihrem Mann in ihrem Haus – doch ihre Heimat, das bleibe ihr altes Dorf in Ostpreußen. Damals mussten sie fliehen, bis heute ist sie dreimal zurückgekehrt. „Es ist etwas ganz anderes. Das Umfeld, die Menschen. Die Nordhessen sind forscher“, sagt Galitzki. Dann schaut sie ihren Mann an. „Aber dich hab ich schon ruhiger gemacht.“ Sie lacht. 

Trotz Flugangst: Hannelore Galitzki und Karl-Hermann Hopf fliegen nach Mallorca. 

Heute geht es nach Mallorca, sie können gar nicht zählen, wie oft sie schon dort gewesen sind. Dabei hat sie Flugangst. „Fliegen und den Zahnarzt fürchte ich schlimmer als den Tod“, sagt sie. Dennoch reiht sie sich gemeinsam mit Hopf – todesmutig – in die Schlange aus Urlaubern ein.

Die Passagiere laufen zu ihrem Flieger. Für die einen ist es der Weg in die Ferne, zu neuen Ufern, Natascha Most trifft hier auf alte Bekannte. Die 34-Jährige mit den blonden Locken ist Luftsicherheitskontrollkraft und der Airport ihr zweites Zuhause. „Wir sind hier wie eine Familie“, erklärt sie und schaut dabei zu, wie die Reisenden ihren Kolleginnen ihre Tickets entgegenstrecken. Da sie unter anderem für die Mitarbeiterausweise zuständig ist, kennt sie hier jeden – auch den ein oder anderen Passagier. Manchmal stolpert sie sogar noch auf dem Vorfeld über alte Freunde, die sie seit langem nicht gesehen hat. „Sie erzählen dann, dass sie den Flughafen unterstützen wollen“, sagt sie und streicht ihren schwarzen Blazer glatt.

Natascha Most ist Luftsicherheitskontrollkraft und kennt am Flughafen jeden Kollegen.

Während die einen ins Flugzeug steigen, sich hinsetzen und anschnallen, kommen die anderen gerade wieder in Deutschland an. Im Bistro trinken Lothar und Sabine Dunkel noch einen Kaffee, bevor sie die Heimfahrt nach Frielendorf-Todenhausen im Schwalm-Eder-Kreis antreten. Der Urlaub sei schon schön gewesen, erzählen sie, dann sehen sie sich an und lachen. Aber die Flüge! Ihr Hinflug sei ausgefallen, also wurden sie nach Paderborn gefahren und konnten erst am Abend statt am Morgen starten. Auch ihr Rückflug wurde umgebucht. „Eigentlich wären wir jetzt noch auf Mallorca“, sagt Dunkel. Bei ihren Freunden, die sie Jahr für Jahr auf der Urlaubsinsel treffen. „Hier kennt man sich“, erklären sie. „Die Leute haben sich schnell gefragt, wo wir diesmal bleiben.“ 

Gemischte Gefühle: Lothar und Sabine Dunkel müssen ihren Flughafen-Besuch erstmal sacken lassen.

Insgesamt haben die Dunkels zwei volle Tage wegen der Umbuchungen verloren. Bisher waren sie Fans vom Flughafen. In der Bauphase beobachteten sie gern, wie der Airport entstand. Doch jetzt? „Das muss sich erstmal setzen“, sagt er. „Zumindest schmeckt das Frühstück“, sagt sie. Wieder lachen beide, dann stehen sie auf und schieben ihre Koffer in Richtung Ausgang.

Ein paar Tische weiter wiegt Thomas Schröder den Kopf. Viele Menschen würden aktuell auf den Flughafen schimpfen. Immer kriege der Flugplatz die Schuld, wenn eine Fluggesellschaft Mist baue. „Dabei kann der Airport selbst nichts dafür.“ So ein Betrieb müsse sich erstmal einpendeln, das brauche seine Zeit. Früher hat Schröder auf dem alten Flughafen in Calden in der Logistik gearbeitet. Heute ist er in Rente, er hat endlich Zeit, sich in Ruhe mit seinem ehemaligen Kollegen Jürgen Wegener auf einen Kaffee zu treffen – heute auf dem Flughafen. Schon schön, mal wieder Flughafenluft zu schnuppern. 

Schnuppern noch immer gern Airport-Luft: Die ehemaligen Mitarbeiter des alten Flughafens Jürgen Wegener und Thomas Schröder (v. li.) treffen sich in Calden auf einen Kaffee.

Ein Flughafen sei ein Räderwerk, erklären die 65- und 66-jährigen Männer aus Calden, ein Rad müsse ins andere greifen, alles müsse zusammenspielen. Das sei nicht einfach. Hektisch sei es – und werde immer hektischer. Ein Flugzeug, das heute ankomme, sollte schon gestern für den nächsten Flug bereit sein. „Es ist schön, den Airport jetzt von außen zu sehen“, sagt Wegener. Er lehnt sich zurück, lässt seinen Blick durch die Eingangshalle schweifen, die immer leerer wird, und trinkt einen Schluck Kaffee.

Hinter den Sicherheitsschleusen, auf dem Gepäckband, sitzt währenddessen der kleine Oskar – so haben ihn zumindest die Mitarbeiter des Flughafens genannt. Nachdem alle Koffer, Taschen und Rucksäcke abgeholt worden sind, ist er ganz allein zurückgeblieben: ein Plüschteddy, sein Herz trägt er auf der Brust. Für so ein kleines Stofftier ist sogar der Kassel Airport riesig groß. Entdeckt wurde er nach einer Landung aus Heraklion am 13. Juli, seitdem wartet er, Tag für Tag, auf seine Familie.

Er blieb ganz allein zurück: Der kleine Plüschteddy sucht seine alte Heimat.

„In meiner Heimat fahre ich schon fast blind“, hat Katharina Bronski im Travel Value Shop erklärt. „Heimat ist da, wo Mama, Papa und meine Schwester sind“, hat der zehnjährige Marcel in der Wartehalle betont. „Heimat bedeutet Zugehörigkeit“, hat Schmidt-Schulz am Infoschalter gesagt. Und vielleicht stimmt Oskar ihnen allen zu – aber eben ganz leise, mit einem aufgestickten Lächeln im Gesicht. So lange ihn niemand hören kann, so lange ihn niemand abholt, wird er wohl im Kassel Airport bleiben. Vielleicht geht es ihm ja irgendwann wie Natascha Most von der Luftsicherheitskontrolle und das Team des Flughafens wird zu seiner neuen Familie – und der Airport zu seinem zweiten Zuhause, zu seiner ganz neuen Heimat.

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