Kassel-Calden

Technik hilft Blinden: Leitsystem wird am Flughafen Kassel-Calden erprobt

Calden. Langsam tastet sich Ingolf Schinze mit Hilfe eines Blindenstocks über den Flughafenvorplatz. Alle 30 Zentimeter erhält der Mitarbeiter der westfälischen H. Klostermann GmbH & Co.KG über eine spezielle App in seinem Smartphone Informationen über seinen Standort.

„Willkommen am Flughafen Kassel-Calden“, hört er sein Smartphone an der Bushaltestelle sagen. Einige Schritte später heißt es: „Links geht es zur Ankunftshalle“ und dann „geradeaus gehen“. Danach: „Rechts in die Auskunftshalle“ und „Achtung automatische Schiebetür“. An Ende hört er „Sie haben ihr Ziel erreicht“.

Schinze ist nicht blind. Aber er präsentierte am neuen Flughafen die modernste Leittechnik für Sehbehinderte, die im Rahmen eines EU-Pilotprojekts bereits beim Bau des Flughafens installiert und gestern vorgestellt wurde. Sie ermöglicht Sehbehinderten, ohne fremde Hilfe in das Flughafengebäude zu gelangen. Wenn sich die Technik bewährt, soll sie auch innerhalb des Gebäudes sowie an und in anderen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Kliniken und in touristischen Objekten installiert werden.

Präsentation: Ingolf Schinze zeigte den Gästen gestern, wie die neue Technik funktioniert. Unter den Pflastersteinen liegen so genannte RFID-Chips, die bestimmte Nachrichten übermitteln.

Vertreter von Blinden und Behindertenverbänden und Betroffene aus der Region sowie Landrat Uwe Schmidt und Caldens Bürgermeister Andreas Dinges lobten sie fortschrittliche Technik. Es ist das bundesweit erste Projekt dieser Art. Entwickelt hat die Technik das Joint Research Centre (JRC), ein Forschungsinstitut der EU in Italien. Sie basiert auf der RFID-Technologie, bei der die Signale und Ansagen per elektromagnetischer Wellen übertragen werden. Dazu wurden alle 30 Zentimeter zwei Millimeter lange, Spaghetti-dicke, glasummantelte Funkchips unter die Betonplatten gelegt. Fährt der Blinde nun mit einem speziellen Stock darüber, bekommt er über sein Smartphone entsprechende Signale und Ansagen. Und wer keines hat, kann auch weiterhin an zwei Punkten persönliche Hilfe vom Flughafen-Personal anfordern.

10.000 Euro hat das System gekostet. Bezahlt hat es die EU. Hessen Mobil, die hessische Straßenbaubehörde, hat unter Federführung von Roland König die Installation organisiert und überwacht.

Blindenleitsysteme gibt es schon lange, allerdings funktionieren sie über so genannte Bodenindikatoren, das heißt über variierende Oberflächenstrukturen von Betonplatten, die unterschiedliche Informationen tragen. Sie werden durch Abtasten mit dem Stock abgerufen. Diese Systeme stoßen allerdings schnell an ihre Grenzen. Mit RFID-Chips, wie sie vor allem Logistik und Handel einsetzen, können sehr viel mehr Informationen übertragen werden. Hinzu kommt, dass jeder einzelne Chip individuell und jederzeit umprogrammiert werden kann, ohne die Gehwege beschädigen zu müssen.

Von José Pinto

Rubriklistenbild: © Koch

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