Presse: „Teure regionale Eitelkeit"

Größtenteils Kritik und Häme zu Kasseler Flughafen

Kassel-Calden. Die Flughafeneröffnung in Nordhessen war am Donnerstag Pflichtthema für Deutschlands Medien. Nur sehr vereinzelt klingen in der Berichterstattung wohlwollende Formulierungen an, welche sich auf die planmäßige Fertigstellung beziehen.

„Was Berlin nicht schafft, macht Kassel vor“, schreibt das Magazin Focus in seiner Online-Ausgabe. „Es geht auch pünktlich, liebe Berliner“, formuliert ähnlich Spiegel Online.

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Ansonsten bewegen sich die Pressestimmen im Spektrum zwischen Grundsatzkritik am Sinn des Projekts und offener Häme. Unter dem Titel „Viel Tamtam in der Provinz“ berichtet das Handelsblatt von der Eröffnungsfeier „mit Blaskapelle und großen Worten“ in Calden. An den Erfolg des Airports würden „nur noch die Betreiber selbst“ glauben, schreiben die Autoren. Sie berichten auch vom Abflug der Premierenmaschine in Frankfurt und mokieren sich wegen einer stockenden Flug-Ansage, dass „Deutschlands neuester Flughafen offenbar noch nicht im System des Frankfurter Flughafens“ eingespeist sei – als ob man sich dort für regelmäßige Flüge zwischen Frankfurt und Kassel rüsten müsse.

Flughafen-Eröffnung: Am und im Terminal

Zum „sinnlosesten Flughafen Deutschlands“ wird Calden in der Bild ausgerufen. Der Artikel ist schon mal als Abgesang getextet: „Es klang wie das Versprechen für eine glückliche Zukunft: ein eigener Flughafen für die strukturschwache Region in Nordhessen! Investoren! Arbeitsplätze! Das war 1999. Doch wenn heute, 14 Jahre und 271 Millionen Euro später, der Airport Kassel-Calden feierlich eröffnet, hagelt es vor allem Spott und Hohn.“ Die Autoren tun das Ihre, um selbst den Beleg ihres Befundes zu liefern.

Von „Deutschlands überflüssigstem Airport“ schreibt die Wirtschaftswoche, vom „Flughafen, den keiner braucht“ die Frankfurter Allgemeine. Die Argumentation dieser und weiterer Geschichten ist weitgehend deckungsgleich: Es gebe schon zu viele Regionalflughäfen, Calden werde auf Dauer ein Investitionsgrab bleiben, die Bau-Millionen seien versenkt, der holprige Start mit lückenhaftem Flugplan belege, dass es kein Interesse an dem nordhessischen Flughafen gebe.

Die Berliner Taz hob den Start in Calden am Donnerstag auf die Titelseite und setzte im Blatt einen Themenschwerpunkt zur Lage regionaler Flughäfen und weiterer öffentlicher Prestigebauten. Unter dem Titel „Irrflug in der Provinz“ beleuchtet Kommentator Arno Funke die globale Krise im Luftverkehr, vor deren Hintergrund Calden „weit am Bedarf vorbeigebaut“ sei. Noch auf viele Jahre werde in Nordhessen finanziell „ein schwarzes Loch zu bewundern sein, das aus regionaler Eitelkeit entstanden ist und Jahr für Jahr zehn Millionen Euro an Steuergeldern verschlingt“.

Zu den Eröffnungsfeierlichkeiten schreibt das Blatt von einem Premieren-Rundflug, bei dem sich „glückliche Losgewinner“ ihre Heimat „Hessisch Sibirien“ einmal von oben anschauen konnten: „Wald, Wiesen, Felder, Fuchs, Hase.“

Der Nachrichtensender n-tv nennt den Auftakt in Calden in seiner Online-Ausgabe einen „Aprilscherz“. Den Bauherren wird ein „Tunnelblick“ attestiert, sie würden den Flughafenbau „mit aberwitzigen Argumenten“ rechtfertigen. (asz)

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