Forscher der Uni Göttingen beschäftigen sich mit zerstörerischer Kraft von Musik

Musik im Verhör: Nach ihrer Freilassung berichteten Gefangene, dass sie im Militärgefängnis Guantanamo (hier ein Archivbild) durch die Dauerbeschallung mit Musik dazu gebracht wurden, Vorwürfe zu gestehen. Archivfoto: dpa

Göttingen. „Böse Menschen singen keine Lieder“, sagt das Sprichwort. Doch Musik macht nicht nur Freude, sie kann auch grausam sein. Mit der zerstörerischen Kraft von Musik beschäftigt sich an der Universität Göttingen eine Forschergruppe, die Prof. Dr. Morag Josephine Grant leitet.

Die Musikwissenschaftlerin will wissen, wie Musik zur Ausübung von Gewalt, Volksverhetzung, Kriegsverbrechen und Völkermord benutzt wird. Auch als Foltermittel wurde und wird Musik eingesetzt.

Singen im KZ

Die Nationalsozialisten hätten Menschen in den Konzentrationslagern gezwungen, oft stundenlang oder auf Befehl perfekt zu singen, sagt Prof. Grant. Um Strafen bis hin zum Tod zu entgehen, probten die Menschen die Nazi-Spottlieder auf sich selbst sogar in der freien Zeit. „Kommunisten mussten ihr eigenes Grab schaufeln, während sie die Internationale sangen“, nennt Grant ein weiteres Beispiel.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Suzanne Cusick hat sich mit der Nutzung von Musik durch das US-Militär als Waffe im Krieg und Mittel bei Verhören beschäftigt. Sie berichtet, wie ohrenbetäubende Musik Häftlinge im Militärgefängnis von Guantanamo gefügig machen sollte. Die Gefangenen saßen beispielsweise in Containern fest, während der Song „Enter Sandman“ der Band „Metallica“ aus den Lautsprechern dröhnte. Ein anderer Häftling berichtete, dass seine Verhöre jeweils um Mitternacht begannen. Jedesmal, wenn er einzunicken drohte, schüttete ihm ein Wärter Wasser über den Kopf oder spielte Musik von Christina Aguilera. „Von Dauerbeschallung – oft verbunden mit Schlafentzug – weiß man, dass sie schwer auszuhalten ist“, sagt die Göttinger Musikwissenschaftlerin. „Es zerbricht die Menschen, wie andere Foltermethoden auch.“

Dass Musik als Begleitung zu Folter oder Strafen eingesetzt wird, ist keine neue Erfindung. So rührten in früheren Zeiten Militärmusiker – oft Kinder und Jugendliche – nicht nur die Werbetrommel für den Krieg. Die Trommlerjungen spielten auch zu Prügelstrafen und Hinrichtungen. Möglicherweise, um Strafen abschreckend hervorzuheben, sagt Grant. Eine andere Hypothese sei, dass es durch die Musik für Menschen einfacher wird, anderen Leid zuzufügen.

Musik sät Hass

Wie Menschen durch Musik zu Hass und Gewalt angestiftet werden, hat die Musikwissenschaftlerin am Beispiel des Völkermordes in Ruanda, wo im Konflikt zwischen der Hutu-Mehrheit und Tutsi-Minderheit 1994 rund 800 000 Menschen starben, untersucht. Wegen des Vorwurfs, als Songschreiber und Musiker öffentlich zum Völkermord aufgestachelt zu haben, kam der in seiner Heimat berühmte Sänger Simon Bikindi vor das Internationale Tribunal in Ruanda. Obwohl in den meisten Anklagepunkten für nicht schuldig befunden, erkannte das Gericht die Rolle, die Bikindis Musik für den Genozid gespielt hat.

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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