Wenn das Produkt dem Käufer stinkt

Uni Kassel: Wie Gerüche uns beeinflussen, ohne dass wir es merken

+
Erforschen die Ausdünstungen von Produkten: Viola Sauer und Simon Kleinhans.

Kassel. „Die können sich nicht riechen.“ Mit dieser Redensart umschreiben wir gern, wenn Personen sich spontan unsympathisch sind. Doch nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen können Gerüche eine Rolle spielen.

„Verlassen Sie sich auf ihre Sinne. Spielzeug, das stark nach ,Chemie‘ riecht, lässt man besser gleich liegen“, empfahl Deutschlands größte Boulevardzeitung vor einigen Jahren, als es um Gesundheitsprobleme mit Spielwaren aus Fernost ging.

Am Institut für Werkstofftechnik haben die Forscher eine besondere – über die bisher üblichen und zertifizierten Nachweismethoden hinausgehende – und von der Wirtschaft stark nachgefragte Expertise entwickelt, um üblen Gerüchen auf die Spur zu kommen. Dabei stehen Kunststoffe (Polymere) im Mittelpunkt. Denn am Fachgebiet für Kunststofftechnik werden seit Jahren neue Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und Herstellungsprozesse dafür entwickelt.

Während man das Geruchsproblem bei den altbewährten Kunststoffen beispielsweise in der Automobilindustrie durch Zugabe von Zusatzstoffen (Additiven) schon recht gut im Griff habe, stellten die Ausdünstungen von Bio-Kunststoffen die Forscher noch vor Herausforderungen, sagt Diplom-Ingenieurin Viola Sauer, Abteilungsleiterin am Institut. Dabei geht es nicht nur um Gerüche, die wir sofort wahrnehmen und als lästig oder gar unangenehm empfinden, sondern um Ausdünstungen von Produkten, die wir unbewusst wahrnehmen.

„Es kann passieren, dass sich jemand in ein Auto setzt und sich nicht wohlfühlt, obwohl er nichts riecht“, sagt der Biologe Simon Kleinhans. Das könne daran liegen, dass unsere Nase empfindlicher reagiert als unser Bewusstsein. Solchen unterschwelligen Geruchsreizen kommen Kleinhans und Sauer mit dem Elektroenzephalogramm auf die Spur: Testpersonen, zumeist Studierende, lassen sich in einer schalldichten, völlig dunklen Kabine die Gehirnströme messen, während sie Geruchsproben unterschiedlicher Konzentration „erschnüffeln“. Das Gehirn zeige bereits Aktivitäten, bevor der Proband etwas rieche. „Die Messungen funktionieren gut“, sagt Kleinhans. Dennoch bleiben die Versuche, aus Werkstoffen unangenehme Gerüche zu eliminieren, ein anspruchsvolles Puzzlespiel. Mit chemischen Analysen, dem Massenspektrometer und dem Olfaktometer (Messgerät für die Intensität von Gerüchen) untersuchen die Kasseler Forscher, welche Molekülgruppen verantwortlich sind, wenn es „stinkt“. „Die menschliche Nase ist dabei unverzichtbar“, erklärt Kleinhans.

Doch der menschliche Faktor hat seine Tücken. Bei der Untersuchung, wie Zitrusduft wirkt, stellte das Forscherteam fest, dass die Hälfte der Testpersonen diesen Geruch als anregend, die andere Hälfte aber als beruhigend empfindet. Außerdem müssen bei ihren Tests erst einmal die „Extremriecher“, stark unempfindliche wie auch überempfindliche, aussortieren.

Von Peter Dilling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.