Grünanlagen haben in Pandemie besondere Bedeutung

So was wie den Bergpark hat Berlin nicht: Experte über Gestaltung von Parks

Neturraum, Naturräume, Grün, Wahlebach, Bäume. Wahlebachpark. Bildmotiv von Pia Malmus
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Parks wie hier die Kasseler Karlsaue sind in der Pandemie besonders gefragt.

Parks sind in der Pandemie besonders gefragt. Sie werden mangels Alternativen weitaus öfter als in normalen Zeiten zu Treffpunkten. Ein Kasseler Experte erklärt, was die Grünanlagen ausmacht.

Kassel – Grünanlagen werden in der Pandemie öfter als in normalen Zeiten zu Treffpunkten. Stefan Körner, Professor für Landschaftsbau, Landschaftsmanagement und Vegetationsentwicklung an der Universität Kassel spricht im Interview darüber, welche Aufgaben Parks in der heutigen Zeit erfüllen müssen.

Herr Körner, wie muss ein Park 2021 aussehen?
Wenn man von der Nutzung ausgeht, ist die Antwort klar: Parks sind Erholungsflächen. Das heißt, man nutzt sie für Freizeitaktivitäten, auch wenn das gerade unter Coronabedingungen nur begrenzt möglich ist. Dazu zählen Sport, Hundespaziergänge oder im Sommer beispielsweise auch Grillen dort, wo es erlaubt ist.
Wo liegen die Unterschiede zwischen historischen und modernen Parks?
Das kann man anhand der Gestaltung einordnen. Da gibt es verschiedene Epochen – Barockgarten, Landschaftsgarten, Volksparks und vieles mehr. Praktisch ist es so, dass ja auch die historischen Parks Erholungsflächen sind. Nehmen wir als Beispiel die Karlsaue. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Barockgarten, der im Stil eines Landschaftsgartens umgestaltet worden ist und so als Erholungsgrün genutzt werden kann. Der Park kann also historisch entstanden und auch nach historischem Muster gestaltet oder rekonstruiert worden sein, aber er wird eben im Normalfall wie auch neu angelegte Parks modern genutzt.
Wenn man heute einen Park anlegen würde, was wäre dann anders als früher?
In der Landschaftsarchitektur war lange das Ideal, Flächen möglichst urban zu gestalten. Das bedeutet nicht unbedingt naturnah. Das ging so weit, dass moderne Landschaftsarchitekten sich nicht sonderlich für Pflanzenverwendung interessiert haben. In jüngster Vergangenheit haben sich jetzt zwei Aspekte wieder mehr in den Vordergrund geschoben, die aber auch krisenbehaftet sind. Das ist zum einen Biodiversität, also die Artenvielfalt, zum anderen der Klimawandel. Was das letztendlich für die Um- und Neugestaltung der Parks bedeutet, ist noch nicht so ganz klar.
Inwiefern?
Was den Klimawandel angeht, heißt das normalerweise, dass andere Funktionen in die Parks kommen – zum Beispiel Wasserversickerung oder Wasser sichtbar machen als verdunstende und kühlende Fläche. Da war in der Vergangenheit der Umgang oft ein anderer, man hat das Wasser verschwinden lassen und es nicht erlebbar gemacht. Dann stellt sich die Frage, ob man neue Pflanzenarten nutzt, die besser mit der Trockenheit umgehen können. Das funktioniert allerdings in historischen Parks nicht, weil die historische Pflanzenverwendung dort eine große Rolle spielt.
Was bedeutet der Aspekt der Biodiversität für die Parks?
Man versucht, zu einer naturnäheren Gestaltung zu kommen. Konkrete Beispiele wären, Wiesen statt Rasen anzulegen oder mehr heimische Gehölze zu pflanzen. Aber im Grunde gibt es derzeit keine einheitlichen Vorgaben, wie man heutzutage Parks gestalten würde. Aus meiner Sicht wird man sich aber auf jeden Fall zukünftig mit Biodiversität auseinandersetzen müssen, um die Artenvielfalt zu erhalten.
Sie haben lange in Berlin gewohnt. Nehmen Sie einen Unterschied zwischen den Parks dort und denen hier in Kassel wahr?
So was wie den Bergpark hat Berlin natürlich nicht. Der zehrt auch immens von seiner Topografie und der Einbettung in den Habichtswald. Aber der Schlosspark in Charlottenburg ist beispielsweise ähnlich wie die Karlsaue eine barocke Anlage, die in einen Landschaftsgarten umgestaltet worden ist. Die Goetheanlage ist ein Kasseler Beispiel für einen Volkspark, von denen es in Berlin sehr viele gibt. Das sind dann Grünanlagen mit Flächen, die zum Spielen und Sporttreiben vorgesehen sind. Aber was es in Kassel im Gegensatz zu Berlin nicht gibt, sind ehemalige Brachflächen, die zu modernen Parks umgestaltet wurden. Ich würde auch sagen, dass der ehemalige Flughafen Tempelhof sich durch verschiedene Aneignungen mittlerweile im Übergang von einer Brache zu einem Park befindet. Allerdings ist hier noch nicht groß gestaltet worden. Die Spuren der historischen Nutzung sind noch relativ groß, und das macht seinen Charakter aus.
Wie fügen sich Parks in das jeweilige Stadtbild ein? Ist der Park am Stadtrand ein anderer als der in der Stadtmitte?
Was auf jeden Fall wieder wichtiger geworden ist: dass der historische Charakter eines Ortes nicht völlig verschwindet. Man gestaltet den Park neu, aber überformt ihn nicht völlig. Das macht die Flächen dann aber eben auch stark von dem Ort abhängig, wo sie sich befinden.
Was braucht ein Park heute, damit sich alle Generationen dort wohlfühlen?
Er muss auf jeden Fall sportliche Aktivitäten ermöglichen. Allerdings erwartet die ältere Generation in Parks klassische Elemente wie Blumenbeete. Die fehlen teilweise in moderneren Anlagen. In einigen Städten wie zum Beispiel Berlin ist der Druck auf nah erreichbare Freiflächen so groß, dass man auch dorthin geht, wenn einem die Fläche nicht gefällt.
Viele nutzen den Park in Pandemiezeiten auch als Outdoor-Fitnessstudio.
Das stimmt. Ich hätte gedacht, dass sich das irgendwann wieder überholt, aber bislang sieht das nicht danach aus. Mich erinnert das immer ein bisschen an die Trimm-dich-Pfade der 1970er-Jahre, die irgendwann dann aus der Mode gekommen sind und auch nicht mehr genutzt wurden. Ich glaube, wenn die Fläche wirklich von allen angenommen werden soll, darf es sich aber nicht um reine Sportflächen handeln. Dann müssen einige traditionelle Elemente wie Blumenbeete und Blumenwiesen noch vorhanden sein. Eben das, was landläufig als schön gilt.
Wenn man auf Kassel schaut, heißt das übersetzt, dass die ältere Generation eher in den Botanischen Garten oder den Stadthallengarten geht und die Jüngeren die Goetheanlage oder den Nordstadtpark bevorzugen?
Das glaube ich schon. Das sehe ich bei meinem eigenen Sohn.
Haben Sie den Eindruck, dass es in einem bestimmten Bereich von Kassel an Parks fehlt?
Ich hab das Gefühl, dass es in der Nordstadt immer noch zu wenig Grün gibt. Im Westen eher nicht. Die Menschen, die dort wohnen, sind oftmals auch mobiler und fahren mal schnell raus. Aber für die Größe der Stadt insgesamt ist die Grünversorgung recht gut, rein quantitativ fehlt da nichts.
Ist diese Situation eher ungewöhnlich?
Als ich von Berlin nach Kassel gezogen bin, kam mir die Stadt wahnsinnig grün vor. Das liegt aber auch an der Größe der Stadt. Man kann im Zentrum sein und sieht trotzdem ringsum Wälder.
Ist in einigen Stadtteilen ein Park beispielsweise gar nicht notwendig, weil jeder ohnehin einen eigenen Garten hat?
Grünanlagen kompensieren nicht immer unbedingt die Gärten. Klar, wenn man einen Garten hat oder auch einen Kleingarten, dann hat man nicht unbedingt den Druck, für jedes Picknick erst in einen Park gehen zu müssen. Aber man will ja auch mal spazieren gehen, und das macht man nicht in seinem Garten. Gerade zu Coronazeiten wird das besonders deutlich. Die Pandemie zeigt, was man benötigt, wenn man in Krisenzeiten lebt und nicht weit wegfahren kann.
Glauben Sie, dass der zukünftige Wahlebachpark, der im Kasseler Osten entstehen soll, ein ähnliches Ausflugsziel werden könnte, wie die Hessenschanze oder die Goetheanlage?
Ich hätte, bevor ich es nicht durch meinen Sohn erlebt habe, nicht geglaubt, dass die Goetheanlage so ein Treffpunkt sein kann. Aber das hat eben auch was mit der zentralen Lage zu tun. Wenn ein Ort dann erst mal etabliert ist, dann kommen die Menschen auch aus entfernteren Bereichen. Die Hessenschanze lebt von der Nähe zum Wald. Für den Wahlebachpark möchte ich da keine Prognose wagen. Es kann dauern, bis sich ein Ort als Ausflugsziel etabliert. Ich persönlich finde die Goetheanlage nicht besonders schön, aber sie funktioniert als Ort. Parks leben von ihrer Nutzung. Und das ist eben oft auch ein Problem der Planer, dass sie darauf keinen oder nur bedingt Einfluss haben. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Körner (59) ist seit 2005 an der Universität Kassel Professor für Landschaftsbau, Landschaftsmanagement und Vegetationsentwicklung. Zuvor hat er mehr als 15 Jahre in Berlin gewohnt und dort auch studiert. Er lebt mit seiner Familie in Kassel.

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