Eine Frau sagt: "Ich bin fix und fertig"

Nach dem Hochwasser: In vielen Kellern liegt nur noch Schrott

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Reif zum Wegschmeißen: An der Wißmannstraße sind mehrere Wohnblöcke der GWG besonders stark betroffen. Mieterin Franziska Kula kann fast nichts mehr aus ihrem vollgelaufenen Keller verwenden.

Auch zwei Tage nach den schweren Überflutungen im Kasseler Osten geht das Aufräumen weiter. Wie hoch der Schaden ist, ist weiter unklar. Einige Betroffene hoffen, wieder Strom zu haben.

Die Wassermassen sind wieder verschwunden, am Mittwoch wird im Kasseler Osten nach dem Hochwasser aufgeräumt und repariert. Besonders schlimm hat es einige Häuserblocks rund um den Bogen der Ochshäuser Straße getroffen: Genauso schlammverkrustet wie Straßen und Gehsteige sind die Hosen vieler Menschen, die ihre durchweichten Habseligkeiten aus vollgelaufenen Kellern auf die Straße räumen.

„Das kann man alles wegschmeißen“ – ein Satz, den man hier alle paar Minuten hört. Auch Franziska Kula sagt ihn, während sie Ladung um Ladung auf den gewaltigen Sperrmüllhaufen an der Wißmannstraße wirft. Bloß die Fahrräder ihrer Kinder sind der alleinerziehenden Mutter vom Kellerinhalt geblieben. „Ich bin fix und fertig“, sagt die abgekämpft wirkende Frau immer wieder.

In der Hosentasche ihrer verdreckten Jeans steckt eine Taschenlampe. Strom gibt es erst mal nicht in den beiden Häuserblocks der GWG, die die Fluten besonders schlimm erwischt haben. „Wir arbeiten mit zwei Mann in jedem Haus“, berichtet Elektriker Dominic Schneider, der gerade an einem Schaltkasten zugange ist. Fahrzeuge von Elektro-, Sanierungs- und Trocknungstechnikfirmen parken am Mittwoch zu Dutzenden an den Straßen im Viertel.

Die Keller hier waren „bis auf Brusthöhe vollgelaufen“, sagt GWG-Siedlungsverwalter Michael Koch. Er und seine Kollegen weisen den betroffenen Mietern Dachböden und leere Wohnungen zu, wo sie ihre noch brauchbaren Habseligkeiten trocknen können. „Das kriegen wir alles wieder hin“, redet Koch beruhigend auf Franziska Kula ein; „gottseidank ist ja niemandem was passiert.“

In einem der Nachbarhäuser beschäftigt man sich bereits mit den weniger elementaren Problemen. Bei Zeki Bulut war ebenfalls Wasser in den Keller gelaufen, doch der 62-Jährige sitzt in seiner Wohnung vor einem aufgeschlagenen Ordner mit Vertragsunterlagen. „Kein Fernsehen, kein Festnetz, kein Internet – nichts. Auch bei den Nachbarn nicht“, erklärt er und hofft auf Hilfe vom Störungsdienst der Anbieterfirma.

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Unwetter: Kasseler Stadtteil Forstfeld einen Tag nach der Überschwemmung

 © Pia Malmus
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In einem Mehrfamilienhaus auf der anderen Seite der Ochshäuser Straße haben die Fluten größere Schäden angerichtet. Vor einem großen Haufen mit Kellerschrott ziehen die jungen Eltern Eduard und Natalia Markov Schadensbilanz, auf dem Arm Töchterchen Mila. „Den Kinderwagen kann man wieder sauber machen“, befindet Eduard Markov und erzählt, dass am Überschwemmungsmorgen auch der Grundstücks-Innenhof überflutet wurde, wo zwei Autos der Familie standen. Er habe sie um 6 Uhr früh gerade noch rechtzeitig umparken können, sagt Markov. „Aber die Haustür habe ich wegen des Wassers nicht aufbekommen; ich bin dann durchs Fenster.“

Das Erste, was Doris und Peter Fleckenstein am Dienstagmorgen machten, war, ihre Vögel zu retten. Um 7.30 Uhr hatte das  Ehepaar, das ein Haus an der Nürnberger Straße in Waldau hat, die Wassermassen im Garten gesehen. „Das Regenwasser hätten wir noch verkraftet“, sagt Doris Fleckenstein. Das Wasser, das aus dem übergelaufenen Wahlebach in den Garten drang, aber nicht mehr.

Nachdem die beiden ihre 16 exotischen Finkenvögel aus dem Vogelhaus in das Wohnhaus gerettet hatten, konnten sie nur noch zusehen, wie der Wasserpegel im Keller stieg und der Garten überflutete. Ihre Nachbarn mussten sogar mit einem Schlauchboot von der Feuerwehr gerettet werden.

„Ich bin einfach fertig“, sagt Doris Fleckenstein am Mittwochmittag. Eine Verwandte hilft ihr und ihrem Mann, den Keller, in dem immer noch Wasser steht, auszuräumen. Alles sei kaputt. Wasserboiler, Waschmaschine, Trockner und Rasenmäher. Der defekte Mäher steht jetzt schlammverkrustet im Garten. „Der Garten war vorher so schön“, sagt die Frau. Jetzt liegt überall Holz, das die Wassermassen mitgerissen haben.

Doris und Peter Fleckenstein sind nur froh, dass sie eine Versicherung angeschlossen haben, in der auch Elementarschäden abgedeckt sind. Zudem hoffen die Eheleute wie auch andere Betroffene darauf, demnächst mal wieder Strom zu haben.

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