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Vom unbekannten Bruder aus den USA: Kasseler erhält Fotos aus den Nachkriegsjahren

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Von: Thomas Siemon

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Die Adoptiveltern: Marvin und Nancy Kirchner mit dem in Kassel geborenen Karl in Lederhosen.
Die Adoptiveltern: Marvin und Nancy Kirchner mit dem in Kassel geborenen Karl in Lederhosen. © Privat/nh

50 Jahre wusste Helmut Erdmann nicht von seinem Halbbruder in den USA. Der hat Erdmann jetzt historische Fotos zukommen lassen. Sie zeigen Kassel in den Nachkriegsjahren.

Kassel – Als Helmut Erdmann (79) die Fotos vom zerstörten Kassel in der HNA sah, kam die Erinnerung hoch. Auch er habe noch Bilder aus den ersten Nachkriegsjahren, hat er am Telefon gesagt. Ein in Kassel stationierter Soldat habe die gemacht. Doch die Geschichte, wie er an die Fotos gekommen ist, sei etwas komplizierter.

Helmut Erdmann, Jahrgang 1942, ist in Kassel aufgewachsen und lebt heute in Schauenburg-Elgershausen. Seine 1972 verstorbene Mutter habe fünf Kinder gehabt. Aufgewachsen sei er in dem Bewusstsein, dass er der jüngste Sohn sei. „Ich habe aber noch einen jüngeren Halbbruder“, sagt er.

Porträtfoto eines älteren Herren mit Brille und kurzen Haaren.
Helmut Erdmann © Thomas Siemon

Den hat seine alleinerziehende Mutter, die damals mit einem ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen liiert war, unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Das habe er als Kleinkind aber gar nicht mitbekommen und erst 50 Jahre später erfahren. So lange lief die Sperrfrist auf Einsicht in die offiziellen Dokumente.

Um es kurz zu machen: Dieser jüngere Stiefbruder heißt Karl, wurde 1948 geboren und ist in den USA aufgewachsen. Ein ehemaliger Soldat und seine Frau haben ihn 1951 mit nach Kentucky genommen. Mittlerweile haben sich die beiden Stiefbrüder mehrfach geschrieben, ein Besuch steht immer noch aus.

„Karl hat mir eine ganze Reihe von Fotos geschickt“, sagt Helmut Erdmann. Einige davon habe der mittlerweile verstorbene Adoptivvater während seiner Stationierung in Kassel gemacht. Die zeigen unter anderem das immer noch in Trümmern liegende Quartier rund um den Kasseler Hauptbahnhof.

Altes Foto einer Stadt, von der ein Bahnhof zu sehen ist.
Die Trümmer sind beseitigt: Das Nachkriegsfoto zeigt das Gelände rund um den Hauptbahnhof. © Privat/nh

Auf einem anderen Foto ist die noch nicht ganz fertige neue Fuldabrücke mit der weitgehend zerstörten Innenstadt zu sehen. Es gibt aber auch ein Familienfoto mit den stolzen Adoptiveltern und dem jungen Karl in Lederhosen.

Der wohnt heute in der Nähe des berühmten Fort Knox, wo die Goldvorräte der USA lagern. Als Schlagzeuger hat er Musik in einer Band gemacht und betreibt das bis heute als Hobby.

Kassel um 1948: Diese Aufnahme eines ehemaligen US-Soldaten hat uns Helmut Erdmann zur Verfügung gestellt. In der Bildmitte ist der Freiheiter Durchbruch zu sehen, links die neue Fuldabrücke im Rohbau.
Kassel um 1948: Diese Aufnahme eines ehemaligen US-Soldaten hat uns Helmut Erdmann zur Verfügung gestellt. In der Bildmitte ist der Freiheiter Durchbruch zu sehen, links die neue Fuldabrücke im Rohbau. © Privat/nh

Erst als erwachsener Mann haben ihm seine Eltern erzählt, wo er herkommt. Aus dem im Krieg zerstörten Kassel, in dem seine Mutter für ein weiteres Kind keine Perspektive sah. „Das waren schwierige Zeiten damals“, sagt Helmut Erdmann. Die Fotos des amerikanischen Soldaten, der seinen Halbbruder adoptiert hat, wolle er endlich auch mal außerhalb der Familie zeigen. (Thomas Siemon)

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