Zwei Stunden ging die Befragung

Sohn sagt im Lübcke-Prozess aus - „Es bleibt unbegreiflich“ 

Kassel-Comic aus dem Jahr 2017: Walter Lübcke war bei der Präsentation in der Hofbuchhandlung Vietor dabei, weil er als Vorbild für eine Figur im Comic gedient hatte. Ein Repräsentant für seine Heimat zu sein, habe seinem Vater gut gefallen, sagte Jan-Hendrik Lübcke während der Verhandlung. Der Comic stammt von Niko Mönkemeyer (Zeichnungen) und Horst Seidenfaden (Text). 
Archivfoto: Andreas Fischer/nh
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Kassel-Comic aus dem Jahr 2017: Walter Lübcke war bei der Präsentation in der Hofbuchhandlung Vietor dabei, weil er als Vorbild für eine Figur im Comic gedient hatte. Ein Repräsentant für seine Heimat zu sein, habe seinem Vater gut gefallen, sagte Jan-Hendrik Lübcke während der Verhandlung. Der Comic stammt von Niko Mönkemeyer (Zeichnungen) und Horst Seidenfaden (Text). Archivfoto: Andreas Fischer/nh

Der Sohn des ermordeten Politikers Walter Lübcke machte eine Aussage vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt. Zwei Stunden dauerte seine Befragung.

Frankfurt – „Wir werden niemals damit fertig werden, es bleibt unbegreiflich, es bleibt unvorstellbar“, beantwortet am Dienstag Jan-Hendrik Lübcke die Frage des Vorsitzenden Richters Thomas Sagebiel, was der Mord an seinem Vater mit seiner Familie gemacht habe. Man sei innerlich zerrissen, sagte der 30-Jährige, der als Zeuge vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt zwei Stunden lang befragt wurde.

Direkt nach dem Mord an seinem Vater, dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, sei der erste Impuls der Familie gewesen, das Haus in Wolfhagen-Istha, auf dessen Terrasse Lübcke erschossen worden war, zu verkaufen. Man habe alles hinter sich lassen wollen, schilderte Jan-Hendrik Lübcke, der gemeinsam mit seinem älteren Bruder Christoph und seiner Mutter Irmgard Braun-Lübcke in dem Mordverfahren gegen den Angeklagten Stephan Ernst als Nebenkläger auftritt.

Doch dann habe man sich dagegen entschieden, weil das sicher nicht im Interesse des Vaters gewesen wäre. Mit der Entscheidung, im Haus zu bleiben, zeige die Familie auch, dass sie hinter dem ermordeten Vater und seinen Worten und Werten stehe. Man meide allerdings die Terrasse. Jenen Ort, an dem Jan-Hendrik Lübcke in der Nacht zum Sonntag, den 2. Juni 2019, seinen toten Vater gegen 0.30 Uhr gefunden hat. Er war gerade von der Kirmes zurückgekehrt. Sein Bruder hielt sich dort noch auf. Seine Mutter, die an dem Abend auf den Enkel aufgepasst hatte, schlief im Haus.

Erst habe er gedacht, dass auch sein Vater in dem Stuhl auf der Terrasse eingeschlafen sei. Mit einer Zigarette in der linken Hand, den Kopf nach hinten. Walter Lübcke habe noch die graue Latzhose, das karierte Hemd und Schlappen nach Art von Birkenstock angehabt. Kleidung, die der Regierungspräsident immer bei der Gartenarbeit trug. An dem Samstag hatte er tagsüber noch Unkraut gezupft und am Abend einen befreundeten Pfarrer auf der Terrasse als Gast gehabt.

Um seinen Vater zu wecken, habe er gepfiffen und ihn angesprochen, so Jan-Hendrik Lübcke. „Es sah alles normal aus.“ Das einzig Untypische sei gewesen, dass sein Vater in dem Stuhl geschlafen habe. „Ich dachte, er ist älter geworden und ist deshalb eingenickt.“

Als sein Vater auf die Versuche, ihn zu wecken, immer noch nicht reagierte, habe er ihn am Ellenbogen angefasst, der kühl gewesen sei. Dann habe er ihn leicht auf die Wange und dann auf den Bauch geklopft, so der Sohn. Als er daraufhin immer noch nicht reagierte, habe er Panik bekommen und daran gedacht, dass ein medizinischer Notfall vorliegen könnte.

„Er war nicht der Schlankeste“, so Jan-Hendrik Lübcke über seinen Vater. Schätzungsweise 140 Kilogramm habe der Vater gewogen. Deshalb habe sich die Familie Sorgen um seine Gesundheit gemacht und ihm geraten, abzunehmen. Auch wegen der Enkelkinder. „Jetzt ist passiert, worüber wir in den letzten Monaten gesprochen haben“, beschrieb Jan-Hendrik Lübcke seine Gedanken auf der Terrasse. Er sei davon ausgegangen, dass sein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Der Sohn wählte den Notruf 112 und befolgte die Anweisungen von der Person am anderen Ende der Leitung. Er überprüfte die Vitalfunktionen seines Vaters, Atmung und Puls. „Ich konnte nichts feststellen.“

Zum Reanimieren habe er seinen Vater vorsichtig auf den Boden gelegt und nach Anweisung (an seinem Handy war der Lautsprecher angestellt) eine Herzdruckmassage gemacht. „Ich war so panisch und wollte weitere Hilfe holen, meine Mutter und meinen Bruder.“ Beim Reanimieren habe er auch zum ersten Mal gesehen, dass sein Vater Blut am Hinterkopf gehabt habe. Woher das Blut kam, habe er da nicht gewusst.

Anschließend wurde Walter Lübcke weitere 40 Minuten vom Notarzt reanimiert. Sein Zustand habe sich dennoch nicht gebessert. Zunächst habe sich der Notarzt geweigert, den Vater noch ins Krankenhaus zu fahren, schilderte Jan-Hendrik Lübcke. Sein Bruder, sein Cousin und er seien aber derart energisch aufgetreten, dass er doch noch in die Klinik gebracht wurde. Und zwar in die Kreisklinik nach Wolfhagen.

Dort habe sich dann die ganze Familie versammelt. Irgendwann hätten dann Notarzt und Arzt verkündet, „dass der Papa verstorben ist“. Die Todesursache sei der Familie zunächst nicht mitgeteilt worden. Das habe sich in der Nacht sehr lange hingezogen. Der Arzt habe die Kripo aus Kassel gerufen, weil er von einer ungeklärten Todesursache ausging. Ein Kripobeamter habe ihn dann später in der Nacht mitgeteilt, dass man „einen Gegenstand im Kopf des Vaters“ gefunden habe.

Jan-Hendrik Lübcke, der zusammen mit seinem Bruder und seinem Cousin im Jahr 2009 ein Unternehmen für den Vertrieb von Fotovoltaikanlagen eröffnet hat, schilderte die Geschehnisse vor Gericht sachlich und unaufgeregt. Ab und an hatte er allerdings mit den Tränen zu kämpfen. Zum Beispiel, als er erzählte, dass sein Bruder und sein Cousin in der Nacht im Gleichschritt von der Kirmes kamen und den Vater auf der Terrasse sahen.

Wie eng die Bindung zum Vater gewesen ist, wurde auch daran deutlich, wie er ihn gestern auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters beschrieb. Er sei ein guter Vater gewesen, der seinen Söhnen immer den Rücken gestärkt habe. Jan-Hendrik Lübcke machte aber auch deutlich, dass sein Vater Berufliches und Privates immer getrennt habe. So hätten sein Bruder, sein Cousin und er keine Vorteile in der Firma gehabt, weil der Vater Regierungspräsident gewesen sei. Einige Genehmigungen seien auch abgeschmettert worden.

Die Rolle als Regierungspräsident habe seinem Vater gelegen. „Das war seine Berufung.“ Jan-Hendrik Lübcke machte das an einem schönen Beispiel deutlich. Im Jahr 2017 ist ein Kassel-Comic erschienen, in dem Lübcke als Vorlage für den Fürsten von Nordhessen diente. So ein Repräsentant für seine Heimat zu sein, das habe seinem Vater gut gefallen.

Ansonsten sei er ein weltoffener und lebensfroher Mensch gewesen, der christlich-konservativ geprägt war. Werte seien ihm wichtig gewesen. Zum Beispiel, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Dabei sei es ihm auch bei den Flüchtlingen gegangen. Sein Vater habe immer gesagt, dass den Leuten geholfen werden muss. Egal, aus welchen Gründen sie nach Deutschland gekommen sind. Da habe er dieselbe Haltung wie Angela Merkel gehabt.

Von Ulrike Pflüger-scherb

Ein Videos mit dem Geständnis des mutmaßlichen Lübcke-Mörders Stephan Ernst ist für jeden auf Youtube zugänglich. In der Geschichte des Prozesses gelangten bereits einige Interna an die Öffentlichkeit.

Schwerer Gang: Die Söhne von Walter Lübcke, Jan-Hendrik (links) und Christoph Lübcke am ersten Tag des Prozesses am Oberlandesgericht. Gestern sagte der 30-jährige Jan-Hendrik Lübcke in Frankfurt aus.

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