Lübcke-Prozess in Frankfurt

Familie des Opfers befragt Stephan Ernst - „Nein, ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht“

Die Familie Lübcke wollte, dass der Angeklagte reinen Tisch macht: (von links) Jan-Hendrik Lübcke, Irmgard Braun-Lübcke, Rechtsanwalt Holger Matt und Christoph Lübcke.
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Die Familie Lübcke wollte, dass der Angeklagte reinen Tisch macht: (von links) Jan-Hendrik Lübcke, Irmgard Braun-Lübcke, Rechtsanwalt Holger Matt und Christoph Lübcke.

Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke stand am Mittwoch (19.08.2020) vor dem Oberlandesgericht Frankfurt die Befragung der Familie des Opfers im Vordergrund.

Frankfurt – Professor Holger Matt hat während dieses Prozesses bisher eher die Rolle des besonnenen Zuhörers eingenommen. Ein paar Mal meldete sich der Jurist zu Wort, aber vornehmlich sprachen andere. An diesem Tag aber sollte sich das ändern.

Matt ist der Rechtsanwalt an der Seite der Familie Lübcke, die in dem Verfahren um den Mord an ihrem Angehörigen als Nebenklägerin auftritt. Als solche hat sie auch ein Fragerecht. Und davon macht sie nun Gebrauch.

Matt erklärt gleich zu Beginn seiner Fragen an den Hauptangeklagten Stephan Ernst, an den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke also, den vornehmlichen Beweggrund: „Wir wollen die ganze Wahrheit.“ Und so ergibt sich erstmals eine direkte Konfrontation der Opferseite mit der Täterseite.

Matt: „Herr Ernst, sind Sie nach wie vor bereit, unsere Fragen zu beantworten?“

Ernst sagt sehr leise: „Ja.“

Ernsts Anwalt Mustafa Kaplan geht dazwischen, sagt dann: „Fangen Sie einfach an.“

Matt bleibt ruhig, er lässt sich nicht provozieren. Dann sagt er: „Meine Frage war an Herrn Ernst gerichtet, und ich habe die Antwort nicht verstanden.“

Ernst sagt jetzt lauter: „Ja.“

Matt geht es nun um die Vorbereitungen der Tat, die Stephan Ernst nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Mitangeklagten Markus H. begangen hat.

Matt: „Gab es einen gemeinsamen Plan von Ihnen und Markus H.?“

Ernst: „Ja.“

Matt: „Gab es konkrete gemeinsame Vorbereitungshandlungen?“

Ernst: „Ja.“

Matt: „Sie haben die Tat bereits als unentschuldbar und feige bezeichnet. Ist das weiter Ihre Bewertung?“

Ernst: „Ja, auf jeden Fall.“

Matt: „Mein Respekt dafür. Aber haben Sie sich vor der Tat nie Gedanken darüber gemacht, dass die Familie Lübcke einen Verlust erleidet: die Ehefrau, die Kinder, die Enkelkinder?“

Ernst stockt kurz, sagt dann: „Nein, habe ich nicht.“

Matt: „Haben Sie sich Gedanken gemacht, dass Herr Lübcke das Leben und seinen Ruhestand noch genießen wollte – mit seiner Ehefrau gemeinsam?“

Ernst sagt nichts. Stille im Gerichtssaal.

Drei Sekunden.

Fünf Sekunden.

Zehn Sekunden.

Dann fragt Ernst: „Darf ich gerade mal mit meinem Anwalt sprechen?“ Er beugt sich zu Mustafa Kaplan, dann sagt Ernst: „Nein, ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht.“

Es ist jetzt eine Befragung auf der emotionalen Ebene, aber Stephan Ernst beantwortet die Fragen eher nüchtern. Die Familie Lübcke blickt die ganze Zeit zu ihm: Irmgard Braun-Lübcke, die Ehefrau, Christoph Lübcke und Jan-Hendrik Lübcke, die beiden Söhne. Manchmal machen sie sich Notizen, aber in erster Linie hören sie Holger Matt und Stephan Ernst aufmerksam zu.

Es geht jetzt um die politische Einstellung von Stephan Ernst und um sein Verhältnis zu Markus H. Ernst unterscheidet hier zwischen seiner früheren Zeit in der rechtsradikalen Szene und der Zeit, nachdem er Markus H. an seiner Arbeitsstätte wiedergetroffen hat.

Die Frage ist, ob die rechtsextreme Gesinnung durch H. wieder aufgekommen sei. Ernst spricht da von den gemeinsamen Schießübungen im Wald, von der Vorbereitung auf einen Bürgerkrieg, den er hat kommen sehen. Er sagt aber auch, dass es nicht mehr so gewesen sei wie früher in der Szene, als er das System hat ändern und die Regierung hat stürzen wollen.

Nur: Wieso hat er dann während des Prozesses beantragt, ein Aussteigerprogramm absolvieren zu dürfen? Matt fragt das auch später ganz konkret: „Woraus wollen Sie aussteigen?“ Woraus, wenn er doch gar nicht mehr in der Szene ist? Die Antwort bleibt Ernst schuldig. Er will sich hier noch mal mit dem Anwalt besprechen.

Matt fragt dann weiter sehr detailliert – vieles ist auch schon zuvor im Prozess zur Sprache gekommen: wie Ernst auf Lübcke gekommen ist, dass Angela Merkel ein Hassobjekt für Ernst war, die Situation in der Tatnacht. Ernst schildert sie noch einmal anhand von Fotos. Er trifft vor dem Richter dann direkt auf Matt, der unberührt weiter seine Fragen stellt. Zum Schluss noch eine Frage: „Können wir darauf vertrauen, dass Sie uns die ganze Wahrheit gesagt haben?“ Ernst sagt: „Ja.“ (Florian Hagemann)

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