Kritik an Ermittlern

Lübcke-Prozess: Opfer erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei - „Habe mich gefühlt, als sei ich der Täter ...“

Ahmed I.
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„Dieser Tag ist sehr wichtig für mich“: Ahmed I. sagte am Donnerstag im Lübcke-Prozess aus. Später gab er eine Pressekonferenz.

Im Januar 2016 wurde der Iraker Ahmed I. in Lohfelden niedergestochen. Der Täter soll der mutmaßliche Lübcke-Mörder gewesen sein. Nun erhebt der Flüchtling schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Kassel – Der irakische Flüchtling, der im Januar 2016 vom mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan Ernst in Lohfelden niedergestochen worden sein soll, hat schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Auf einer Pressekonferenz gestern Abend – nach seiner Aussage im Prozess am Frankfurter Oberlandesgericht (OLG) – klagte Ahmed I., dass die Ermittler jahrelang Fehler gemacht hätten: „Sie wollten mir nicht glauben, dass ich von einem Nazi angegriffen wurde. Ich habe mich gefühlt, als sei ich der Täter und nicht das Opfer.“

Auch sein Anwalt Alexander Hoffmann sagte, dass schlecht ermittelt worden sei. Damals habe es „eine massive Mobilisierung von Nazis gegeben“. Die ersten Ermittlungen hätten sich aber gegen I. Mitbewohner gerichtet. Der Kieler Jurist wundert sich auch heute, dass Opfer nicht ernst genommen würden: „Hört das denn nie auf?“ Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten zeige ebenfalls, dass es „keine gesellschaftliche Stimmung gibt, mit der man Nazis und Rassisten energisch entgegentritt“.

Zuvor hatte sein Mandant in einer dreistündigen Vernehmung geschildert, wie er am Abend des 5. Januar 2016 in der Nähe seiner Flüchtlingsunterkunft von einem Radfahrer von hinten niedergestochen und schwer verletzt worden war. Ein Messer mit DNA-Spuren fanden die Ermittler erst nach dem Lübcke-Mord bei Ernst.

„Hätte die Polizei anständig gearbeitet, wäre Walter Lübcke vielleicht noch am Leben“, sagte I., der wegen der Folgen der Tat heute berufsunfähig ist. Auf Arabisch sagte er auf der Pressekonferenz, dass neben Ernst eigentlich auch die Ermittler von damals auf der Anklagebank sitzen müssten.

Betreut wird I. seit vier Jahren von der Kasseler Beratungsstelle Response, die sich um Opfer rechter Gewalt kümmert. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, zu der Response gehört, klagte, dass auch Journalisten lange nicht an dem Fall interessiert gewesen seien. Das habe sich erst durch den Lübcke-Mord geändert. Er forderte ein stärkeres Bewusstsein für Opfer rechter Gewalt: „Wir dürfen nicht warten, bis ein zweiter Mord passiert.“ (Von Matthias Lohr)

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