Prozess in Frankfurt

Stephan Ernst vor Gericht: Walter Lübcke sollte in jedem Fall sterben - Hinweise auf weiteren Mitwisser

Stephan Ernst während des Prozesses in Frankfurt
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Stephan Ernst hat vor Gericht zugegeben, dass der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke in jedem Fall sterben sollte.

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke hat Stephan Ernst zugegeben, dass der Kasseler Regierungspräsident sterben sollte. Es gibt Hinweise auf einen Mitwisser.

Die Entscheidung, dass Walter Lübcke sterben sollte, fiel Mitte April vorigen Jahres an einem Treffpunkt in Niestetal-Sandershausen. Dort verabredeten sich die beiden Kasseler Rechtsextremisten Stephan Ernst und Markus H. an einer Sitzgelegenheit, um zu bereden, wie sie gegen den Regierungspräsidenten Walter Lübcke vorgehen wollen. So schilderte es der Hauptangeklagte am Freitag vor dem Frankfurter Oberlandesgericht.

Bislang hatte Stephan Ernst in seinen drei Geständnissen stets beteuert, es sei ursprünglich darum gegangen, Lübcke nur eine Abreibung zu verpassen. Auch am Freitag hatte der 46-Jährige zunächst angeführt, H. habe im Vorfeld zu ihm gesagt: „Wenn er blöd kommt, dann schieß.“ Am Freitag gab Ernst auf die Nachfrage des Vorsitzenden Richters Thomas Sagebiel, ob Lübcke in jedem Fall hätte sterben sollen, aber auch zu, dass der Entschluss bereits eineinhalb Monate vor der Tat gefallen sei. Deswegen seien beide auch unmaskiert am Tatort gewesen.

Mit seiner Aussage lieferte Ernst am achten Verhandlungstag, der lediglich drei Stunden dauerte, nur eine von mehreren neuen Erkenntnissen. Die wichtigste lautet: Der mutmaßliche Mörder bleibt auch nach seinem dritten Geständnis ein Mann der Widersprüche. Seit Freitag sind sich viele Prozessbeobachter sicher, dass es neben Ernst und H. einen Mitwisser der Tat vom ersten Juni-Wochenende 2019 gegeben haben muss.

So gab der Hauptangeklagte zunächst zu, über Lübcke auf dem verschlüsselten Messenger-Dienst Threema nicht nur mit seinem Kumpel H. kommuniziert zu haben, sondern auch dem Alsfelder Neonazi Alexander S.

Ernst war fast schon dabei, Sagebiels Frage zu beantworten, ob er mit S. im Vorfeld der Tat auch über seine Tatpläne gechattet hätte, da beantragte sein Verteidiger Mustafa Kaplan eine Unterbrechung. Nach der Besprechung mit dem Anwalt sagte Ernst plötzlich, er habe mit S. nie politische Themen behandelt. Über Threema habe er ihm nur eine technische Sache für dessen Studium erklärt. Trotzdem könnte es sein, dass er die entsprechende Kommunikation auf seinem Handy gelöscht habe. Einen Grund, warum er den angeblich harmlosen Chat-Verlauf entfernt habe, konnte er nicht nennen.

Gäbe es neben den beiden Angeklagten noch einen Mitwisser, könnte man bereits von einem Terrornetzwerk reden, wie ein Kenner der rechtsextremen Szene urteilt. Rechtsanwalt Alexander Hoffmann, der den irakischen Flüchtling Ahmad E. als Nebenkläger vertritt, sagte gegenüber der HNA, es habe zumindest einen Anschein, als könnte Alexander S. von der Tat gewusst haben.

Ausführlich schilderte Ernst sein Verhältnis zu seinen Neonazi-Kameraden Markus H. Den nannte er im Prozess bislang ausschließlich mit Nachnamen. Am Freitag sagte er hingegen mehrmals „der Markus“. Regelmäßig seien sie auf Flohmärkten in den Kasseler Messehallen gewesen. Auf solchen Märkten habe H. gern Bücher über den Zweiten Weltkrieg, Messer und Steinschleudern verkauft. 

Die Tat in Istha haben beide laut Ernst offensichtlich akribisch geplant: In einer abgelegenen Waschanlage im Waldauer Industriegebiet schraubten sie neue Nummernschilder auf Ernsts VW Caddy. Auf Lübckes Terrasse schlichen sich beide an den CDU-Politiker heran, ehe H. sagte: „Es ist Zeit zum Auswandern.“ Eine Anspielung auf Lübckes Aussage auf der Lohfeldener Bürgersammlung zur Flüchtlingspolitik. Dann drückte Ernst ab. Auf der Rückfahrt im Auto sagte H.: „Wir müssen cool bleiben und bis zum Ende pokern.“ Am nächsten Tag schickte er Ernst einen Link zum HNA-Artikel, in dem stand, dass Walter Lübcke tot ist. (Matthias Lohr)

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