Kroaten verbeugten sich vor Franzosen

Frankreich ist Weltmeister: So feierten Kassels Kroaten den Vize-Titel

+
Auch ohne Sieg wurde auf der Friedrich-Ebert-Straße gefeiert: Eine Gruppe Kroaten zog über die Feiermeile. 

Kassel. Es war ein packendes WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien. Hunderte Kroaten aus Kassel verfolgten ihre kämpferisch starke aber am Ende unterlegene Mannschaft. 

Vucic Stanko hatte für den WM-Sieg seiner Kroaten alles vorbereitet. Seinen VW-Golf Cabrio hatte er mit kroatischen Fahnen behangen und Lautsprecher montiert. Der erste Vorsitzende des Vereins DJK Zagreb Kroatien Kassel war mindestens bis zur 59. Minute zuversichtlich, dass er mit den 300 Kroaten, die im Vereinsheim an der Lilienthalstraße bei Cevapcici und kroatischem Bier das WM-Endspiel verfolgten, würde feiern können. Es sollte nicht sein.

Sie lachten trotz Enttäuschung: Carina Senger, Igor Krajsic, Anja Krajsic und Julia Pfannkuch vom Restaurant „Kleine Konoba“.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Die Kroaten spielten offensiv und die Stimmung der 300 war gut. Jeder Angriff wurde mit Szenenapplaus bedacht. In den kroatischen Nationalfarben geschminkte Kinder sprangen durch die Sitzreihen. Auf der Großbildleinwand und Flachbildschirmen lief nicht etwa das ZDF, sondern der kroatische Sender HRT2. Selbst für jene, die kein Kroatisch verstanden war schnell klar, dass die kroatischen Moderatoren deutlich emotionaler kommentieren als die deutschen.

Als nach dem unglücklichen Eigentor von Mandzukic der Ausgleich fiel, gab es kein Halten mehr. „Zovi, samo zovi, svi ce sokolovi. Za te zivot dati“ wurde in Sprechchören angestimmt. Igor Krajsic, Wirt des kroatischen Restaurants „Kleine Konoba“ an der Wilhelmshöher Allee, erklärt die Zeilen des patriotischen Liedes. „Es heißt so viel wie: Wenn du, unser Mutterland Kroatien, uns rufst, werden alle Falken für dich das Leben lassen“, sagt Krajsic.

Wenn Kroaten trauern: Pero Raspudic und sein Sohn Antonijo (1) verfolgten das WM-Endspiel im Vereinsheim des DJK Zagreb Kroatien Kassel an der Lilienthalstraße. 

Der Gastronom, der aus Zadar stammt, hat Freunde und Stammgäste zum Public Viewing eingeladen. „Eigentlich hätten wir heute Ruhetag.“ Trotz des 2:1 durch den Elfemeter von Griezmann, bleibt Krajsic optimistisch. Schließlich steht eine Siegtorte in den Nationalfarben Rot-weiß-blau bereit. Als das 3:1 und schließlich das 4:1 fällt, hat seine Frau Anja einen Tipp für ihn: „Du musst noch ein Stück Kuchen essen. Als du das letzte Stück gegessen hast, fiel ein Tor für die Kroaten.“ Krajsic isst noch ein Stück und tatsächlich steht es wenige Minuten später 4:2.

Als Krajsic nach dem Abpfiff von seiner Frau getröstet wird, auch Vize-Weltmeister sei ein Erfolg, steht ihm die Enttäuschung dennoch ins Gesicht geschrieben: „Nach so einem Spiel kannst du nicht zufrieden sein.“

Rot-weiß karierte Trauer

Mutig hatten sie sich zum Endspiel in die Höhle des Löwen gewagt: der Franzose Raphaël Petschelt-Pelletier und seine frankophilen Fußballfreunde, Jan Behnert aus der französischen Schweiz und Christian Pfeiffer. In Trikots und mit französischer Trikolore ausgestattet waren sie auf der Fanmeile Friedrich-Ebert-Straße von hunderten Kroatien-Fans umringt, denen man die Fußballleidenschaft und Sympathie für Rakitic, Modric und Co. schon auf hundert Metern ansah.

Eigentlich war ganz Kassel eine kroatische Höhle des Löwen. Denn die Kroaten drückten ihrer Nationalelf emotional, lautstark und stets in großer Gemeinschaft die Daumen.

Freuten sich über Frankreichs Sieg: In Joe’s Garage jubelten (von links)Esaie Iragi Byumanine, Karolin Scholz, Raphaël Petschelt-Pelletier, Jan Behnert und Christian Pfeiffer.   

Die meisten der 150 Franzosen in Kassel hatten es vorgezogen, das spannende Spiel – wenn überhaupt – diskret in den eigenen Wänden zu gucken. Auch in Joe‘s Garage, wo Raphaël, Christian und Jan bei Weizenbier und Radler warm liefen, waren sie von Kroatien-Anhängern jeden Alters unübersehbar umzingelt. Riefen sie wagemutig „Allez les Bleus“ in die aufgeheizte Kneipe oder „Vorwärts Grizou“, wenn Stürmer Antoine Griezmann einen seiner eleganten Spurts vorlegte, dann drehten sich die Köpfe der kroatischen Übermacht grimmig in ihre Richtung, einige drohten mit dem Zeigefinger oder kontern: Ihr habt den Schiedsrichter gekauft.

Vorne, ganz nah an der Leinwand, saßen Dzenifa und ihre kroatischen Freunde und fieberten. Das Herz der 35-jährigen schlug bis zum Hals. Sie habe einen Trick, verriet sie: „Jedes Mal wenn ich einen Sambuca trinke, schießen die Kroaten danach ein Tor.“ Nach vier Sambuca zur Halbzeit und einem schönen Tor der Kroaten gab sie auf. „Ich kann das nicht mehr mit ansehen.“

Dabei waren die Kroaten doch die Gewinner der Herzen. Und die Fans irgendwie auch: Als Pogba das geniale 3:1 für die Franzosen schoss, drehten sich in Joe‘s Garage die Köpfe in Richtung Raphaël, Christian und Jan, einige verbeugten sich respektvoll und applaudierten.

Nach dem Spiel, das die Kroaten so schmerzhaft verloren, kamen viele und gratulierten den französischen Fans per Handschlag. Eine faire Geste von wahrer Größe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.