Frau lebt seit 60 Jahren im selben Haus an der Singerstraße

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Dem Forstfeld treu: 1952 ist Lieselotte Ullrich an die Singerstraße gezogen - im selben Haus wohnt sie noch heute.

Forstfeld. Lieselotte Ullrich wohnt in dem einzigen Haus an der Singerstraße, das nicht weiß gestrichen ist. Am 1. März 1952 war sie mit ihrem Mann Ottomar und den beiden kleinen Kindern in das Reihenhaus der Wohnstadt gezogen. Viel hat sie dort erlebt.

Das Wohnungsunternehmen hieß damals noch Hessische Heimstätte. Die Familie wohnte auf 33 Quadratmetern oben im Haus, die Miete betrug 27,90 Mark. Heute bewohnt die alte Dame beide Stockwerke - und die Miete liegt bei 334 Euro. Die Nachbarn waren alle Mitarbeiter der benachbarten Fieseler-Werke. Auch Lieselotte Ullrich arbeitete zwei Jahre lang in der Flugzeugfabrik, kriegsdienstverpflichtet als Telefonistin. Eigentlich ist sie Friseurin.

„Nach dem Krieg konnte ich dann wieder in meinem alten Beruf arbeiten“, sagt die 87-Jährige und streicht durch ihre weißen Haare. Lieselotte Ullrich arbeitete im Salon Schmidt an der Radestraße, bei Friseur Knocke an der Singerstraße und im Salon Hafermann in Bettenhausen. Sonntags hat die kleine Dame ihre Stammkundinnen auch mal in ihrer Küche frisiert. Drei Stunden hat sie für eine Dauerwelle gebraucht. „Wir haben das damals mit heißen Klammern und einem Kessel mit Dampf gemacht“, sagt Lieselotte Ullrich, während sie ein schwarz-weiß Bild von der

Wand nimmt und in ihren Händen hält. Es ist ein Porträt, da war sie Mitte 20, ihr schwarzes Haar ist geflochten und an den Ohren zu zwei Schnecken hochgesteckt.

Heute ist Lieselotte Ullrich die älteste Bewohnerin der Straße. Im Sommer sitzt sie oft vor dem Haus und löst Kreuzworträtsel. Die 87-Jährige hat künstliche Kniegelenke, das Treppensteigen fällt ihr schwer.

Deshalb geht sie kaum noch in den Garten. Früher hat sie oft mit den Nachbarn hinter dem Haus gefeiert. Dann hat sie Brote geschmiert und „Wie herrlich ist die Jugendzeit“ gesungen. „Die Grundstücke waren alle offen, das war sehr familiär hier“, sagt sie. Irgendwann kamen die Zäune und da, wo sie vor 50 Jahren den Kirschbaum gepflanzt hat, steht jetzt ein Gartenhaus. Früher war mehr Betrieb im Viertel: Es gab kleine Lebensmittelgeschäfte, die Metzgerei Bechstein, das Kohlengeschäft Kimm und die Molkerei Fehr, erinnert sich Lieselotte Ullrich.

1981 ist ihr Mann gestorben, 35 Jahre waren sie verheiratet. Seitdem ist sie alleine in dem Haus. Manchmal kommen ihre sechs Enkel mit den beiden Urenkeln zu Besuch. Und alle drei Monate geht sie zum Friseur nebenan und lässt sich die Haare machen. (pmn)

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