Vor 40 Jahren floh Hoai Thu Nguyen

Frau Thu kam übers Meer: Das Schicksal einer Kasselerin aus Vietnam

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Ihre Stammkunden kennen sie als „Frau Thu“: Seit 30 Jahren führt Friseurmeisterin Hoai Thu Nguyen (61) an der Friedrich-Ebert-Straße 109 einen Friseursalon und Kosmetikstudio. 

Kassel. Frau Thu lacht. „Wir haben großes Glück gehabt. Wir waren Flüchtlinge und sind in Deutschland mit offenen Armen aufgenommen worden“, sagt sie in ruhigen, wohl gesetzten Worten.

Das war vor 40 Jahren. Hoai Thu Nguyen und ihr Mann Hai waren damals 21 und 25 Jahre alt, als sie mit insgesamt über einer Million Menschen aus Südvietnam vor Verfolgung und Folter durch das nordvietnamesische Regime aus ihrer Heimat flohen.

Als „Boatpeople“ gingen sie in die Geschichte ein, weil sie die Flucht über das südchinesische Meer in kleinen Fischerbooten angetreten waren. Heute führt Hoai Thu Nguyen seit nunmehr 30 Jahren als erfolgreiche Friseurmeisterin und Kosmetikerin ein Geschäft im Vorderen Westen. „Nennen Sie mich Frau Thu“, sagt sie mit sanfter Stimme und bietet ihrem Gast einen Ingwertee an: „So kennen mich auch meine Kundinnen.“

Frau Thus Mann Hai, der in Vietnam Lehrer studiert hatte und später in Deutschland Maschinenbau draufsattelte, ist ebenfalls selbstständig: mit seinem Betrieb für Zerspanungstechnik und zehn Angestellten. Erfolgsverwöhnt ist auch ihr heute 27 Jahre alter Sohn Philipp, mehrfach ausgezeichneter Nachwuchsforscher aus dem Schülerforschungszentrum, darunter auch als Preisträger beim Landesentscheid Jugend forscht. Heute promoviert er in Manchester als Luft- und Raumfahrttechniker.

An ihre Flucht als Einzige aus der großen Familie kann sich Frau Thu intensiv erinnern. Einem Schlepper hatten sie für einen Platz auf dem mit 300 Menschen überladenen Boot umgerechnet 2000 geliehene Euro gezahlt. Das Boot war eine Woche lang auf dem Wasser, ohne irgendwo anzukommen. „Wir litten Hunger und Durst“, sagt Thu Nguyen. Weil sie nicht schwimmen konnte, hatte sie außerdem große Angst vorm Kentern.

Thu und Hai Nguyen 1978, kurz nach ihrer Flucht und Ankunft in Niedersachsen. (Für die volle Ansicht bitte auf das Bild klicken.)

Dann seien sei auf einen deutschen Tanker gestoßen, der sie mit Nahrung und Medikamenten versorgte und sie bis vor die Küste Thailands abschleppte. „Da hörten wir über Radio, dass der Ministerpräsident von Niedersachsen, Ernst Albrecht, 1000 Boatpeople in seinem Bundesland aufnehmen wollte. Sofort habe man sich in Thailand zur deutschen Botschaft begeben, und schließlich seien alle 300 Bootsinsassen am 13. Dezember 1978 nach Hannover geflogen. „Als wir ankamen, lag Schnee, alles war wie in Watte gepackt und wunderschön.“

Bevor sie in Deutschland Fuß fassen konnten, durchliefen sie Stationen wie das Durchgangslager Friedland, Sprachkurse und auch Berufsausbildungen wie die Friseurlehre, die Frau Thu in Göttingen machte. „Eigentlich wollte ich studieren, aber so war es auch ein guter Weg“, sagt sie.

Angesichts der Flüchtlinge, die heute in Deutschland ankommen – zum Teil ebenfalls übers Meer in Booten – , muss Frau Thu öfter an das selbst Erlebte denken. Kommt das Gespräch auf ihre Familie in Vietnam (die vollzählig alle Gräueltaten überlebt hat) kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten. „Man hat im Laufe der Jahre viel verdrängt“, sagt sie nur. Und dann ist da schon wieder ihr Lächeln: Sie sei glücklich, dass sie in Deutschland nie Feindseligkeiten erlebt habe, sagt sie. Alles sei für sie „so, wie es sein soll“.

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