Alle zwei Wochen treffen sie sich in Kassel

Frauen demonstrieren aus Angst vor Sex-Übergriffen durch Flüchtlinge

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Sie stehen alle zwei Wochen vor dem Kasseler Rathaus: Eine kleine Gruppe Frauen demonstriert gegen Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen. Am 19. Juni soll die nächste Mahnwache stattfinden.

Kassel. Sie halten Deutschlandfahnen und Transparente mit Sprüchen wie „Niemand weiß, wer der Nächste ist“ auf der Rathaustreppe hoch. Ein gutes Dutzend Frauen versammelt sich alle zwei Wochen vorm Kasseler Rathaus.

Die Angst vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge sei der Antrieb für ihre Mahnwache, sagt Mitorganisatorin Sybille Johst.

Und diese Angst bringen sie und ihre Mitstreiterinnen mittels Flugblättern unter die Passanten. Am Dienstag, 19. Juli 2018, soll von 15 bis 17 Uhr die nächste Mahnwache stattfinden.

Vorwürfe: Rechtes Gedankengut und Stimmungsmache

Bei der jüngsten Versammlung unter dem Motto „Frauen gegen Gewalt“ kam es zu einer spontanen Gegendemonstration. Deren Initiatorinnen warfen den Frauen rechtes Gedankengut und Stimmungsmache vor. Die Polizei sorgte für eine Trennung der beiden Lager. Es blieb aber friedlich.

„Wir sind keine Nazis. Dieses Totschlagargument macht uns wütend“, sagt Johst. Sie machten keine Parteipolitik, sondern wollten lediglich auf die Zunahme von Vergewaltigungen und Messerstechereien aufmerksam machen – diese stünden klar in Verbindung mit der Flüchtlingswelle. Für ihre Botschaft verteilen sie Flugblätter, auf denen ausschließlich Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen im gesamten Bundesgebiet aufgelistet sind. Die Fälle, die allerdings zum Teil doppelt aufgeführt sind, gab es tatsächlich und sie kursieren als Sammlung auf vielen Internetseiten rechtspopulistischer Organisationen.

Der Zusammenschluss der besorgten Frauen aus Kassel sei aus einem losen Freundeskreis entstanden, sagt Johst. „Wir kennen uns aus dem Sport und vom Kaffeetisch“, erzählt die Kasselerin. Auf der Facebook-Seite der Frauenmahnwache Kassel bekunden viele Anhänger der AfD ihre Sympathie für die Bewegung und auch Personen, die eindeutig dem stramm rechten Milieu angehören.

Dass die AfD sie unterstütze, davon wisse sie nichts, sagt Johst. Sie schaue nicht regelmäßig auf die Facebook-Seite. „Jeder darf uns unterstützen und dazustoßen. Wir hoffen auf mehr Resonanz“, sagt Johst. Denn noch sei man „eine kleine Gruppe“. Umso mehr freue es sie, dass sich inzwischen auch eine Handvoll Männer unter die Mahnwache mischt.

2016 und 2017: Über 40 Vergewaltigungen in Kassel

Aber was ist dran an dem behaupteten Zusammenhang zwischen der Flüchtlingswelle und der Zunahme von Übergriffen auf Frauen? In der Kasseler Polizeistatistik ist seit 2016 eine deutliche Zunahme der Vergewaltigungen in der Stadt Kassel zu beobachten: Von 30 (2014 und 2015) auf über 40 (2016 und 2017). Auch die Zahl der Sexualdelikte insgesamt ist angestiegen. Allerdings hängt dies laut Polizeisprecher Torsten Werner auch mit dem 2017 neu eingeführten Straftatbestand der sexuellen Belästigung zusammen, den es vorher so nicht gab. Allein auf diesen Straftatbestand entfielen 46 Fälle.

Zudem, so Werner, sei in Folge der Silvesterereignisse in Köln ein verstärktes Anzeigeverhalten zu beobachten. Frauen trauten sich häufiger, sexuelle Übergriffe auch anzuzeigen. An Spekulationen zur Frage, ob die Flüchtlingswelle etwas mit dem Anstieg bei den Vergewaltigungen zu tun hat, beteilige sich die Polizei nicht. Es gebe keine Auswertung zu Nationalität und Migrationshintergrund der Täter. Weil die statistischen Belege fehlen, lehnt auch die Staatsanwaltschaft Kassel eine offizielle Stellungnahme ab.

Die Aufklärungsquote bei Vergewaltigungen lag in der Stadt Kassel 2017 bei 88 Prozent, bei sexueller Nötigung bei 76 Prozent und bei sexueller Belästigung bei 61 Prozent.

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