Prozessauftakt am Dienstag

Anklage: Frauen zu Sexarbeit gezwungen

Kassel/Lohfelden. Ein 31 Jahre alter Familienvater aus Lohfelden, der an der Kasseler Schützenstraße zwei Bordells betrieben haben soll, muss sich ab Dienstag vor dem Landgericht verantworten. Er steht im Verdacht, verschleppte bulgarische Frauen gekauft und durch Schläge gefügig gemacht zu haben.

Von Oktober 2011 bis April 2012, als die Frauen sich bei einer Kontrolle der Polizei anvertrauten, soll der Mann nach Angaben der Staatsanwaltschaft Kassel insgesamt 53 000 Euro des Prostituiertenlohns von vier betroffenen Frauen einbehalten haben. Mindestens drei der betroffenen Frauen, die zwischen 19 und 35 Jahre alt sind, wollen in dem heute beginnenden Verfahren mit sechs Folgeterminen als Zeuginnen aussagen.

Neben dem 31-Jährigen, der laut Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Zuhälterei und Körperverletzung angeklagt ist, steht auch eine 27-jährige Frau aus Kassel wegen Beihilfe zu den Taten vor Gericht. Sie soll den 31-Jährigen unterstützt haben, indem sie teilweise die Einnahmen bei den Frauen kassiert und sie überwacht haben soll. Der 31-jährige Hauptangeklagte sitzt seit Ende April in Untersuchungshaft.

Jörg Kruse

Damals hatte die Polizei die Bordellwohnungen an der Schützenstraße kontrolliert. Anlass war die Aussage einer anderen dort zur Prostitution gezwungenen Frau, die zuvor einem Freier von ihrer Situation erzählt und um Hilfe gebeten hatte, berichtet Jörg Kruse, Leiter des Kripo-Kommissariats 12 für Sexualdelikte und Milieukriminalität. Nach ihrer Aussage habe man die Bordellwohnungen erneut kontrolliert. Dabei hatten die Ermittler eine der betroffenen Frauen stark geschminkt im Schaumbad angetroffen. Offenbar hatte ihr Zuhälter sie kurz zuvor verprügelt. Die Blutergüsse und Prellungen sollten unter dem Make-Up verschwinden.

Die Kriminalpolizei bemüht sich seit Monaten verstärkt darum, das große Dunkelfeld der Zwangsprostitution und des Menschenhandels aufzuklären (wir berichteten). In diesem Jahr sind laut Kruse bereits deutlich mehr Fälle an Licht gekommen - 2011 gab es acht Fälle, die alle in Kassel angesiedelt waren.

Prozess mit Signalwirkung

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„Wir erhoffen uns, dass das aktuelle, große Verfahren Signalwirkung nach außen, aber auch in die Szene hinein hat“, sagt Kruse. Problem sei vielmals, dass die Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, sich der Polizei aus Angst vor Repressalien nicht anvertrauten. „Viele sind völlig verschreckt und eingeschüchtert.“ Wenn es zu einer Verurteilung komme, könne das auch andere Frauen ermutigen, Hilfe zu suchen, um ihrer Notlage zu entfliehen. Für schwere Fälle von Menschenhandel, bei denen auch Gewalt eingesetzt wird, um Frauen zu Prostitution zu zwingen, ist Freiheitsstrafe von mindestens einem und bis zu zehn Jahren vorgesehen. (rud)

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