Frauenhaus Kassel im Interview: "Wir bräuchten in Hessen das Doppelte an Zimmern"

Das autonome Frauenhaus Kassel besteht seit 40 Jahren. Es hat seine Wurzeln in der Frauenbewegung der 1970er-Jahre.
Wir sprachen mit den Frauenhaus-Frauen Diana Frisch, Irmes Schwager und Eva Hack, die ein Gründungsmitglied des autonomen Frauenhauses ist.
Welche Frauen werden im Frauenhaus aufgenommen?
Irmes Schwager: Wir nehmen jede Frau auf, die von Gewalt betroffen ist oder sich bedroht fühlt und ihr Zuhause verlassen muss.
Eva Hack: Es gibt 32 Plätze, sie werden im Schnitt je zur Hälfte von Frauen und Kindern belegt. De facto haben wir zu wenig Platz für alle. Wenn Frauen bei uns anrufen, müssen wir leider öfter sagen, dass es keinen Platz gibt. Zur Not muss der Gemeinschaftsraum als Notschlafplatz dienen. Insgesamt haben 31 Frauenhäuser in Hessen 313 Zimmer, wir bräuchten das Doppelte.
Wie hat alles angefangen?
Irmes Schwager: In den 70er-Jahren mit der Bewegung um den Paragrafen 219 und dem Kampf der Frauen für eine Legalisierung von Abtreibung. Es entstanden Frauen-Selbsthilfe- und Selbsterfahrungsgruppen. Daraus entwickelte sich der Gedanke: Wenn so viele Frauen Gewalterfahrungen machen, ist es ein strukturelles Problem, und dafür muss es eine strukturelle Lösung geben. Wir brauchten Orte, wo Frauen vor Gewalt geschützt werden und wir uns solidarisch aufeinander beziehen können.
Eva Hack: In der Gesellschaft gab es tief greifende gesellschaftliche Veränderungen. Die Begriffe Ausbeutung und Unterdrückung wurden viel weiter gefasst. In England öffnete 1972 das erste Frauenhaus. In Deutschland machten Berlin und Köln 1976 den Anfang mit autonomen Frauenhäusern. 1976 begann es auch in Kassel. 1979 besetzten wir das Frauenhaus. Bis 1984 arbeiteten wir unentgeltlich. Dann wurden von der Stadt Kassel Mittel für zwei Erzieherinnen-Stellen bewilligt. Ab 1985 gab es unter der rot-grünen Koalition erstmals Landesmittel für Personal.
Irmes Schwager: Bis 1997 hat uns die Stadt das Haus mietfrei zur Verfügung gestellt.
Und heute?
Irmes Schwager: Wir bekommen kommunalisierte Landesmittel, die Deckung der Personalkosten für vier Stellen sowie einen Zuschuss für Sach- und Betriebskosten von der Stadt Kassel. Seit 2017 gibt es eine halbe Stelle für den Mädchen- und Jungen-Bereich. Das ist für uns wichtig, denn Frauenhäuser sind auch immer Orte für Kinder.
Wer sind denn die Bewohnerinnen?
Eva Hack: Das ändert sich ständig. Im Frauenhaus spüren wir jeden gesellschaftlichen Wandel unmittelbar: Nach der Grenzöffnung waren es Frauen aus der ehemaligen DDR, dann kamen Osteuropäerinnen, Frauen die von Menschenhandel betroffen sind. Damals wie heute haben wir es mit Flüchtlingsfrauen zu tun.
Irmes Schwager: Neu im Angebot ist unsere nachgehende Beratung.
Wann ist das der Fall?
Diana Frisch: Wenn die Frauen ausgezogen sind. Es gibt Frauen, die ziehen nach ein bis sieben Tagen aus, manche bleiben drei bis sechs Wochen, ander länger als ein Jahr. Der Aufenthalt bei uns dauert drei bis sechs Monate.
Wo sind Schwierigkeiten?
Diana Frisch: Der enge Wohnungsmarkt spielt eine Rolle, aber nicht die größte.
Irmes Schwager: Auch Wohnsitzauflagen für Flüchtlingsfrauen sind eine große Hürde. Frauenhäuser brauchen eine Finanzierung, die unbürokratisch Schutz gewährt.
Ist es gefährlich?
Irmes Schwager: Unsere Bewohnerinnen und wir werden nicht selten von Ex-Männern bedroht. Deshalb muss unsere Adresse auch geheim bleiben.
Wie sind Sie strukturiert?
Eva Hack: Wir sind als Gruppe angetreten, die ohne Hierarchien arbeiten will. Das gelingt seit 40 Jahren gut.
Diana Frisch: Entscheidungen treffen wir gemeinsam – mit den Bewohnerinnen. Wir sind basisdemokratisch orientiert und das beinhaltet viele Auseinandersetzungen.
Irmes Schwager: Wichtig ist uns die Vernetzung mit anderen Frauenhäusern. In Deutschland gibt es 351 Frauenhäuser, 130 autonome. Auch die lokale Vernetzung funktioniert gut und ist eine Voraussetzung für Schutz und ein Leben ohne Gewalt.
Ist der Weltfrauentag wichtig?
Diana Frisch: Auf jeden Fall. Er ist einer von 365 Tagen im Jahr, an dem auf das Dilemma des Geschlechterkampfes und der ungleichen Machtverhältnisse von Frauen und Männern hingewiesen wird – mit entsprechendem medialen Echo. Wir müssen durch Aktionen weiter darauf hinweisen, dass es noch keine Gleichberechtigung gibt.
Eva Hack: Wir sind dabei. Wir sind ja von der Vorstellung ausgegangen, dass das Frauenhaus nicht lange nötig ist. Das Gegenteil ist der Fall. In Deutschland wurden 2017 von ihren (Ex)Partnern 147 Frauen umgebracht. Gewalt gegen Frauen ist präsenter denn je.
Von Christina Hein
Wer in Kassel und anderen Orten in Hessen einen Platz in einem Frauenhaus sucht, muss lange warten. Für Opfer stehen viel zu wenig Plätze bereit.




