Zu wenig Plätze für Opfer

Frauenhäuser in Kassel am Limit: Nur halb so viele Betten wie benötigt

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Irmes Schwager, Autonomes Frauenhaus Kassel

Wer in Kassel einen Platz in einem Frauenhaus sucht, muss lange warten. Für Opfer häuslicher Gewalt stehen seit Jahren viel zu wenig Plätze bereit. 

  • Platz in Frauenhäusern sehr begrenzt
  • Nur halb so viele Betten wie Opfer
  • Problem besteht seit Jahren in Kassel und in ganz Hessen

Kassel – Die Frauenhäuser der Region schlagen Alarm: Seit Jahren gibt es nach Angaben der Trägervereine aus Nord- und Osthessen einen gravierenden Mangel an Plätzen für Frauen und Kinder, die Unterstützung und Schutz vor Gewalt in einem Frauenhaus suchen.

„Inzwischen müssen wir genauso viele Frauen ablehnen, wie wir aufnehmen können“, sagt Irmes Schwager vom Frauenhaus Kassel. Im vergangenen Jahr waren das 81 Frauen mit 105 Kindern. Im Kasseler Frauenhaus stehen 32 Betten in 16 Zimmern zur Verfügung. „Die sind immer belegt“, so Schwager. Idealerweise sollten wir auch Betten vorhalten, aber das ist unmöglich.“

Wer in ein Frauenhaus in Kassel will, muss warten

Während einer Pressekonferenz der fünf autonomen Frauenhäuser in Nord- und Osthessen – ein weiteres Frauenhaus in Homberg/Efze ist in Trägerschaft der Awo – forderten die Sprecherinnen eine Aufstockung der 106 in der Region vorhandenen Betten auf 150. Das entspricht 70 Prozent des Bedarfs, den die Instanbul-Konvention fordert. Das 2018 ratifizierte Papier macht Bundes- und Landesregierungen Vorgaben, wie umfassender Schutz von Frauen vor Gewalt ausgestattet werden muss. Danach müsste es in Nord- und Osthessen 211 Betten geben. Angesichts der Tatsache, dass jede vierte Frau in Deutschland von – vorwiegend häuslicher – Gewalt betroffen ist, seien die räumlichen Kapazitäten der Frauenhäuser viel zu gering, um dem Bedarf gerecht zu werden. Sorgen bereite auch die personelle Ausstattung. „Wir arbeiten seit Langem mit viel zu wenig Personal und können nur das Notprogramm leisten“, sagt Rahel von Bucholtz vom Frauenhaus Bad Hersfeld. Die erforderliche Präventionsarbeit sei dabei nicht mehr drin.

Frauenhaus in Kassel soll erweitert werden

In Kassel könnte sich jetzt etwas bewegen: Vor dem Hintergrund des von Bundessozialministerin Franziska Giffey (SPD) aufgelegten 120-Millionen-Euro-Programms (für vier Jahre) gegen Gewalt gegen Frauen soll das Frauenhaus Kassel erweitert werden. Mit der Förderung könnte ein Anbau für 14 zusätzliche Plätze geschaffen werden. Ziel des Programms ist der Ausbau und die finanzielle Absicherung der Arbeit von Frauenhäusern und ambulanten Hilfs- und Betreuungseinrichtungen. 

Ein Platz in einem Frauenhaus für alle Opfer wird in einer EU-Konvention gefordert

Mit Unterzeichnung der Istanbul-Konvention – ein Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt – hat sich Deutschland 2018 zu systematischen Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen auf allen Gebieten verpflichtet. Nach der Konvention, die für Frauenhäuser ein Zimmer (2,5 Betten) pro 10 000 Einwohner vorsieht, sollten es allein in Nord- und Osthessen 211 Betten sein. Vorhanden sind aber nur 106.

Von Christina Hein

Das autonome Frauenhaus Kassel besteht seit 40 Jahren. Es hat seine Wurzeln in der Frauenbewegung der 1970er-Jahre.

Corona-Schutz: Mehr Platz fürs Frauenhaus in Kassel.

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