Zu groß geratene Mehrfamilienhäuser

Freie Wähler scheitern mit Vorstoß gegen Stadtvillen

Streit am Mulang: Beim Bau dieser beiden Stadtvillen an der Kurhausstraße war die Stadt dem Investor mit einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan weit entgegengekommen. Laut Verwaltungsgerichtshof haben die Stadtplaner dabei grobe Fehler gemacht und Rechte verletzt. Jetzt muss die Stadt den Nachbarn entschädigen, aber die Häuser dürfen stehen bleiben. Archivfoto: Ludwig

Kassel. Die Bezeichnung Stadtvilla, so sieht es der Stadtverordnete Bernd W. Häfner (Freie Wähler), ist in Kassel zum Schimpfwort geworden.

Dass vielerorts ohne Rücksicht auf die in der Nachbarschaft stehenden Wohngebäude kolossale Mehrfamilienhäuser errichtet werden, sollte Anlass für den Magistrat sein, ordnend einzugreifen, meint Häfner. Doch der entsprechende Antrag der Rathausfraktion Demokratie erneuern / Freie Wähler wurde in der jüngsten Stadtverordnetenversammlung abgeschmettert.

An der Reginastraße (Vorderer Westen) haben Nachbarn ein neues Wohnhaus mit 24 großzügigen Eigentumswohnungen wegen der kolossalen Ausmaße als neue Reichskanzlei verspottet. Auch anderswo können Anwohner nicht verstehen, dass die Stadt große Neubauten genehmigt, die sich augenscheinlich nicht in die vorhandene Bebauung einfügen. Fraktionschef Häfner nannte als Beispiele die Häuser Sängelsrain 24, Schanzenstraße 97, Kornblumenweg 19, Baumgartenstraße 64 und 75 sowie Auf der Wiedigsbreite 36.

„Es geht nicht darum, Wohnungsbau zu verhindern“, erklärte Häfner, „sondern es geht um die Art und Weise der Bebauung.“ Fraktionskollege Dr. Bernd Hoppe (Demokratie erneuern) verwies darauf, dass lediglich die maximal mögliche Ausnutzung eines Grundstücks per Bebauungsplan oder in Verhandlungen mit dem Bauherren reduziert werden solle.

Doch dazu gibt es aus der Sicht der anderen Fraktionen keinen Grund. „Wir brauchen mehrgeschossigen Wohnungsbau“, sagte Dr. Andreas Jürgens (Grüne), mit dem Bau von Einfamilienhäusern sei es heute nicht mehr getan. „Wir sollten dankbar sein, dass diese Häuser gebaut werden“, erklärte FDP-Fraktionschef Frank Oberbrunner zu den Stadtvillen, „wir brauchen solche Wohnungen.“ Und Volker Zeidler (SPD) warf Häfner vor: „Sie wollen Wählerstimmen fangen.“ Stadtvillen seien eine Form des modernen Wohnens und würden nach geltendem Baurecht genehmigt. So zu bauen, sei in der Freiheit unserer Gesellschaft zu respektieren.

Das fand auch Wolfram Kieselbach (CDU), im Hauptberuf Chef des Haus- und Grundeigentümerverbandes Kassel. Zwar dürfe sich eine Fehlleistung des städtischen Bau- und Planungsamtes wie an der Kurhausstraße nicht wiederholen. Die CDU lehne es aber ab, Freiheitsrechte beim Bauen zu beschneiden. Die städtische Baubehörde dürfe nicht zu einer Bauverhinderungsbehörde werden. Beim Wohnungsbau seien Vielfalt und Lebendigkeit gefragt, „Geschmacksvorgaben“ dürfe es nicht geben.

Dass es Probleme gebe, „können Sie doch nicht leugnen“, hielt Häfner seinen Kritikern noch entgegen. Doch gleich danach war sein Antrag abgelehnt.

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