Motorradrocker sollen Frau bedrängt und beleidigt haben

Opfer entlastet Angeklagten: Freispruch für Ex-Bandido

Kassel. „Manchmal“, sagte Marlene Laufs-Belz, „steht in der Zeitung: glasklarer Freispruch.“ Und das treffe es auch in diesem Fall, über den die Richterin am Amtsgericht am Mittwoch zu entscheiden hatte.

Ein 28-Jähriger, der mit zwei unbekannten Mittätern eine Frau vor dem Clubhaus des berüchtigten Motorradclubs Bandidos an der Maybachstraße bedrängt und beleidigt haben sollte, sei freizusprechen. Glasklar. Denn nach Überzeugung des Opfers war er’s nicht.

Vor Haustür angesprochen

An einem Augustabend 2012 war die 23-Jährige auf der Rückkehr vom Zigarettenholen kurz vor ihrer Haustür von drei Männern angegangen worden. Einer hielt sie von hinten an ihrem Pferdeschwanz fest und hinderte sie am Weitergehen. Und er machte Äußerungen, die das Schlimmste befürchten ließen. Wenn sie „Spaß haben“ wolle, könnten ja alle zusammen zu ihr gehen. Und: „Du bist ja eine Hure.“ Erst nach zehn Minuten ließen die Peiniger von der jungen Frau ab.

So stand es in der Anklage, die dem 28-Jährigen Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung zur Last legte. Und so bestätigte es vor Gericht auch die 23-Jährige. Nur an den Satz mit der Hure konnte sie sich nicht mehr erinnern. Für sie war klar, dass die Täter aus den Reihen der Motorradrocker kamen; zwei von ihnen kannte sie vom Sehen. Doch warum sie sie derart attackierten, vermochte sie sich nicht zu erklären: „Ich hatte vorher mit diesen Leuten nie Probleme.“

In dem Mann, der sie festgehalten und beleidigt hatte, glaubte sie zudem den Türsteher einer Kasseler Disco zu erkennen. Sie begann zu recherchieren, brachte einen Namen in Erfahrung - und den 28-Jährigen damit auf die Anklagebank.

Viele Vorstrafen

Allzu viel Mühe hatte sich die Polizei nicht mehr gegeben, nachdem ihr der Verdacht präsentiert worden war: Der üppig vorbestrafte Mann ist den Beamten seit Jahren bestens bekannt, als rechtsextremer Gewalttäter, als „Problemfan“ des KSV Hessen Kassel und zuletzt als Mitglied der Bandidos (von denen er sich mittlerweile allerdings ebenso verabschiedet haben will wie aus der rechten Szene).

Allein: Vor Gericht erkannte die 23-Jährige den Angeklagten nicht nur nicht wieder. Sie war sogar überzeugt, dass er unschuldig ist. „Er ist nicht die Person, die ich gemeint habe“, sagte sie. Sie habe an einen anderen Türsteher gedacht, genauso kurzhaarig, genauso tätowiert, aber schmaler. Eine Verwechslung. Das hatte zuvor auch schon der Angeklagte vermutet. „Mir sagt die Frau überhaupt nichts, ich weiß nicht mal, wie die aussieht.“

Von allen Vorwürfen entlastet, zeigte sich der Mann zum Abschied generös: „Geh doch mal zum Rocker-Dezernat der Polizei“, empfahl er der 23-Jährigen. „Die haben Bilder von allen da unten - da kannst du dir deinen Glückspilz raussuchen.“

Von Joachim F. Tornau

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