Landgericht: 47-Jähriger, der über ein Kilo Heroin besaß, ist wegen psychischer Erkrankung schuldunfähig

Freispruch für mysteriöses Drogengeschäft

Kassel. Anfang dieses Jahres fand ein Kasseler Ehepaar auf seinem Grundstück über ein Kilogramm Heroin. Ein 47-jähriger Mann, der die Drogen dort versteckt haben soll, saß am Freitag auf der Anklagebank des Landgerichts.

„Ich nehme keine Drogen und habe auch noch nie Drogen verkauft“, beteuerte er. Das Gericht sprach den psychisch Kranken am Ende frei.

Ein Mann aus Holland habe ihm das Paket im Dezember 2011 gebracht und ihn gebeten, den Stoff zu verkaufen. „Ich wusste nicht, was ich damit machen soll, er sollte es wieder mitnehmen.“ Doch der Mann sei nicht darauf eingegangen und ohne die heiße Ware mitzunehmen wieder verschwunden. „Da habe ich das Küchenfenster aufgemacht und das Paket hinausgeworfen“, berichtete der 47-Jährige. Eines Tages allerdings tauchte der mysteriöse Dealer dann doch wieder auf und wollte entweder sein Heroin oder 20 000 Euro haben. Beides hatte der Angeklagte nicht zu bieten. Hilflos fragte er seine Nachbarn, auf deren Grundstück er das Paket geworfen hatte, doch die hatten den Fund längst ordnungsgemäß abgeliefert. Der Dealer aus Holland musste also unverrichteter Dinge wieder abziehen. Offenbar blieb das geplatzte Geschäft ohne Folgen für den Angeklagten.

Der Deal ist nicht nur wegen seiner Abwicklung ungewöhnlich, sondern auch wegen der Ware, um die es dabei ging. Das Landeskriminalamt stellte einen Wirkstoffgehalt von lediglich drei Prozent fest, das heißt, der größte Teil bestand aus Streckmittel. Zu dem holländischen Lieferanten machte der Angeklagte keine näheren Angaben, er sagte lediglich, dass er ihn über seine früheren Geschäfte mit gebrauchten Autos kennengelernt habe. Der 47-Jährige selbst hat einige kleine Vorstrafen, ist aber noch nie mit Drogendelikten aufgefallen.

Schon seit mehreren Jahren ist er psychisch krank, der psychiatrische Sachverständige Georg Stolpmann attestierte ihm vor Gericht eine schizoaffektive Psychose, die sich unter anderem in manischen Anfällen und Wahnvorstellungen äußere. Der Experte stufte diese Krankheit als schwerwiegende Erkrankung ein, von der die gesamte Persönlichkeit betroffen sei, deshalb sei der 47-Jährige schuldunfähig. Gleichwohl plädierte Stolpmann nicht für eine Unterbringung in der Psychiatrie, denn der Angeklagte sei einsichtig und auch bereit, sich behandeln zu lassen, zudem sei er bisher nicht aggressiv geworden.

Drogenhandel, sah am Ende Staatsanwalt Karl-Heinz Ernst ein, war dem 47-Jährigen nicht nachzuweisen, maximal der Besitz von Heroin. Mit Blick auf die Erkrankung plädierte Ernst auf Freispruch. Diesem Antrag folgte das Gericht, das sich gegen eine Unterbringung in der Psychiatrie aussprach. „Man kann“, sagte Vorsitzender Richter Wolf Winter, „nicht jeden, der psychisch krank ist, vorsorglich unterbringen.“ (pas)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.