Belastungszeuginnen ziehen Aussagen zurück – Disco-Betreiber habe sie angestiftet

Freispruch in Sekunden

Kassel. Staatsanwalt Niels Hauth, ohnehin nicht eben als Kind von Heiterkeit verschrien, war angefressen. „Ich überlege noch“, grummelte der Anklagevertreter vor seinem Plädoyer, „ob ich zehn oder 15 Sekunden brauche.“

Dann verlangte er in wenigen dürren Sätzen Freispruch für die beiden Angeklagten. Und fast ebenso schnell schlossen sich ihm Verteidigung und Gericht an.

Gerade einmal zwei Stunden war am Donnerstag vor dem Kasseler Amtsgericht verhandelt worden, da herrschte bereits Einigkeit: Der Anklagevorwurf gegen die zwei Männer, die als Anführer eines brutalen Rollkommandos eine Disco in der Innenstadt überfallen haben sollen, ist nicht mehr zu halten. Denn die beiden vermeintlichen Hauptbelastungszeuginnen wollten die Angeklagten partout nicht mehr belasten.

Dabei waren sie bei der Polizei sogar noch mit Fotos der Männer aufgetaucht. Ganz klar, hatten sie damals verkündet: Der 38 Jahre alte Busfahrer und ein zehn Jahre älterer Tischler seien dabei gewesen, als eines frühen Morgens im November 2009 rund zehn maskierte Männer in die Disco am Stern stürmten, Reizgas in großen Mengen versprühten und einem Gast mit einer Eisenstange ins Gesicht schlugen. Die hätten sie eindeutig erkannt, hatten die Frauen erklärt. Kein Zweifel.

Nun jedoch soll das alles nicht mehr wahr sein. Sie habe hinterher gemerkt, dass sie sich wohl geirrt habe, sagt eine ehemalige Disco-Beschäftigte schmallippig. „Die Täter waren größer und breiter.“ Wie, wann und warum ihr das aufgefallen sei? Keine Ahnung. Die 31-Jährige druckst herum, und Staatsanwalt Hauth schimpft über „Schmierentheater“.

Dann aber kommt die damalige Chefin der jungen Frau und packt aus: „Mein Noch-Ehemann hat mir gesagt, ich soll bei der Polizei aussagen, dass die das waren.“ Obwohl auch sie eigentlich niemanden erkannt habe.

Ihr Gatte, mit dem sie die Disco betrieb, habe ihr die Fotos in die Hand gedrückt und ihr erklärt, wen sie als Täter identifizieren sollte. „Ich habe mich auf ihn verlassen“, sagt die 38-Jährige, „ich hatte nicht gedacht, dass er so hinterlistig und gemein ist.“ Dass er nämlich die Angeklagten, mit denen er offenbar noch alte Rechnungen zu begleichen hatte, unschuldig habe hinter Gitter bringen wollen.

All das räumt schließlich auch der 41-Jährige, von dem die Frau mittlerweile getrennt lebt, selbst freimütig ein: Er habe halt vermutet, dass die beiden Männer die Angreifer gewesen sein könnten, sagt er. Dass sie es nicht waren, habe er dann später herausgefunden – „auf meine Art und Weise“.

Folgeprozess in Aussicht

Die Namen der wirklichen Täter aber möchte er nicht verraten. „Ich habe das geklärt, und wenn ich was kläre, behalte ich das für mich.“ Einen weiteren Prozess aber wird es wohl trotzdem geben: Dem 41-Jährigen droht wie den beiden Frauen jetzt ein Strafverfahren wegen falscher Verdächtigung. Staatsanwalt Hauth versteht da eben keinen Spaß.

Von Joachim F. Tornau

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.