Berufungskammer des Landgerichts hält Missbrauch der Stieftochter nicht für erwiesen

Berufungskammer: Missbrauch von Stieftochter nicht erwiesen - Freispruch

Kassel. Ein ehemaliger Hilfshausmeister einer Kasseler Schule hat mit Erfolg um seine Freiheit gekämpft: Der 48-Jährige, der wegen Missbrauchsvorwürfen seiner Stieftochter den Job verloren hatte, ist vom Landgericht im Berufungsverfahren freigesprochen worden.

Das Amtsgericht in Fritzlar hatte den Mann aus dem Landkreis Kassel in erster Instanz noch für schuldig erklärt und zu drei Jahren Gefängnis wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung verurteilt: Er habe sich im Sommer 1997 an der damals neunjährigen Tochter seiner Lebensgefährtin vergangen.

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„Mutig“, befand nun der Kasseler Landgerichtspräsident Wolfgang Löffler als Vorsitzender der Berufungskammer, sei diese Entscheidung gewesen. Und wer weiß: Vielleicht könnte das Amtsgericht damit sogar richtig gelegen haben. Doch ein rechtlich ausreichender Tatnachweis, betonte Löffler, sei den Kollegen in Fritzlar nicht gelungen – genauso wenig wie jetzt dem Landgericht. Also: in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten.

„Aber um gleich einen Irrtum auszuräumen“, wandte sich der Gerichtspräsident an den Angeklagten, „wir haben heute nicht festgestellt, dass Sie unschuldig sind.“ Die Aussagen der heute 22-jährigen Stieftochter seien jedoch zu widersprüchlich, um darauf eine Verurteilung zu stützen.

Die junge Frau hatte berichtet, dass sie von 1997 bis ungefähr 2002 immer wieder von dem 48-Jährigen missbraucht worden sei. Sie habe mit ihm Kinderpornos anschauen und ihn befriedigen müssen. Und mehrfach habe er sie auch vergewaltigt. Den einzigen Fall, den sie noch konkret schildern konnte, war jedoch der allererste aus dem Sommer 1997 – und nur dafür war der Angeklagte deshalb vom Amtsgericht verurteilt worden.

Nach der Berufungsverhandlung aber wuchsen auch daran Zweifel. Sogar bei der Staatsanwaltschaft: „Dubios“ erscheine ihm das Aussageverhalten der jungen Frau, sagte Anklagevertreter Bernd Setzkorn – und plädierte schließlich wie die Verteidigung auf Freispruch.

Insgesamt sechs Mal war die 22-Jährige vernommen worden – zweimal bei der Polizei, zweimal vor dem Amtsgericht, einmal vom psychiatrischen Gutachter und nun vor dem Landgericht. Und jedes Mal hatte sie sich in wesentlichen Punkten widersprochen. Gleichwohl gab sich die Frau, wenn sie darauf angesprochen wurde, felsenfest sicher.

„Sie zieht sich stoisch auf ihre jeweils aktuelle Tatschilderung zurück“, monierte Verteidigerin Gudrun Meyer – und wertete das als Indiz für einen frei erfundenen Vorwurf.

Dass der Angeklagte von seiner Stieftochter bewusst falsch belastet worden sein könnte, wollte auch das Gericht nicht ausschließen. Ein Motiv dafür habe man allerdings nicht finden können, sagte Löffler. „Man kann aber auch nicht alles rational erklären.“

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