Amtsrichter Gerd Krämer (64) hat heute den letzten Arbeitstag

Ein Freund der offenen Worte geht

Verabschiedet sich aus dem Richterdienst: Amtsrichter Gerd Krämer ist bekannt für seine offenen Worte im Gerichtssaal. Foto:  Koch

Kassel. 70 Prozent der Urteile, die Gerd Krämer in den vergangenen Jahren verkündet hat, fingen mit folgenden Worten an: Der Angeklagte XY hat keinen Beruf, ist arbeitslos und lebt von Hartz IV. Perspektivlosigkeit und Probleme mit Drogen haben viele Menschen auf die Anklagebank gebracht. Diese Erfahrung hat Gerd Krämer, Richter beim Kasseler Amtsgericht, seit Mitte der 70er-Jahre immer wieder machen müssen. Wenn Schulklassen bei ihm zu Besuch waren, hat er den Jugendlichen stets nahegelegt, einen Abschluss und eine Ausbildung zu machen. „Wer nichts lernt, der sitzt bald hier.“ Heute hat der 64-jährige Jurist, der für offene Worte bekannt ist, seinen letzten Arbeitstag.

„Ausländer sind nicht straffälliger als Deutsche“, sagt Krämer. Da aber verhältnismäßig viele Ausländer keine Ausbildung hätten und nicht integriert seien, sei die Gefahr erheblich größer, dass sie vor Gericht landen. Krämer schätzt, dass die Hälfte seiner Angeklagten keinen deutschen Pass hatte.

„Wer nichts lernt, der sitzt bald hier.“

AmtsRichter Gerd Krämer

Ursprünglich wollte Krämer, der in Kassel geboren wurde und das Realgymnasium Wesertor (heute Goethe-Gymnasium) besuchte, so wie sein Vater Polizist werden. Doch daraus wurde nichts. Krämer war damals schon Brillenträger, die wurden bei der Polizei nicht genommen. Den Grundsatz „Was Recht ist, muss Recht bleiben“, verfolgte er aber weiter. So entschloss er sich für ein Jura-Studium in Marburg. Nach dem ersten Staatsexamen im Jahr 1971 ging er für zwei Jahre ans Kasseler Landgericht als Referendar. Nach dem zweiten Staatsexamen 1974 begann er seinen richterlichen Dienst in Duisburg. Später wechselte er nach Dortmund und Korbach. „Mein Ziel war es, Richter in Kassel zu sein.“ Dieses Ziel erreichte er 1982, als er an das Amtsgericht seiner Heimatstadt zurückkehrte.

In den vergangenen Jahren war Krämer, der auch Ausbilder war, Strafrichter. Auf seine Erfahrungen als ehemaliger Familienrichter griff er gerne zurück. Seitdem das Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten ist, müssen sich Richter verstärkt um familiäre Auseinandersetzungen kümmern. Die Lebensverhältnisse der Menschen seien komplizierter geworden, sagt Krämer. Das schlage sich natürlich auch in den Verhandlungen nieder. „Die Akten werden immer dicker.“ Allein auf die Akten dürfe sich ein Richter aber nicht verlassen. „Man darf nicht voreingenommen sein. Man muss offen in eine Sitzung gehen.“ Krämer hat versucht, sich in die Angeklagten hineinzuversetzen. „Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass man ihnen zuhört, dann akzeptieren sie auch eine Entscheidung leichter.“

Nie bedroht worden

Obwohl er für einige Angeklagte deutliche Worte gefunden hat, sei er selbst nie in den vergangenen Jahren bedroht worden. In seinem Ruhestand will sich Krämer, der alleinstehend ist, verstärkt seinem Hobby, der Jagd, widmen. Zudem wolle er viel Zeit in seinem Haus und Garten in Ahnatal verbringen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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