Ein wichtiger Spiegel für die Gesellschaft oder anklagender Unendlich-Protest?

Liebe Greta, sind die Schülerdemos wirklich nötig? Ein Pro und Kontra

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Greta Thunberg polarisiert. Ein Pro und Kontra zu den von ihr angestoßenen Protesten.

Greta Thunberg mobilisiert weltweit Schüler zu Freitags-Demonstrationen. Auch in Hessen versammeln sie sich. Ist das sinnvoll? Ein Pro und Kontra.

Weltweit demonstrieren Schüler an "Fridays for Future" für den Klimaschutz. Sind die Proteste in dieser Form sinnvoll? Unsere Redakteure Florian Quanz und Jörg S. Carl haben dazu ein Pro und ein Kontra verfasst:

Greta Thunberg hält den Mächtigen den Spiegel vor - Das Pro

Liebe Greta,

seit Wochen beschäftigst du die Weltpresse: eine 16-jährige Jugendliche aus Schweden. Du bist der Geist, den all jene Weltpolitiker riefen, die einst das Pariser Klimaabkommen unterzeichneten und nun erkennen, dass sie ihre Ziele nicht erreichen werden. Du bist das personifizierte schlechte Gewissen all jener, die die Emissionen in ihrem Land um jährlich 15 Prozent verringern wollen, aber auf dem besten Wege sind zu scheitern.

Endlich jemand, der die Politik ernst nimmt. Jemand, der daran erinnert, dass Abkommen auch einzuhalten sind. Jemand, der nichts schönredet, wie es Politiker meisterlich beherrschen.

Du hältst den Mächtigen den Spiegel vor, zeigst ihnen ihr fatales politisches Versagen. Du erinnerst daran, dass sie auch für das verantwortlich sind, was sie nicht tun. Du bist die Stimme all jener auf der Welt, die keine haben – zumindest, wenn es nach dem Wahlrecht der allermeisten Staaten geht.

Deiner unscheinbaren Person steht eine unerwartete Radikalität gegenüber. Du sitzt freitags streikend vor dem schwedischen Parlamentsgebäude anstatt in der Schule. Du bewegst dich nur mit dem Zug oder Elektroauto fort – Flugzeuge schaden dem Klima. Ein berühmtes Zitat Mahatma Gandhis kommt da in den Sinn: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Auf der Weltklimakonferenz hast du den Wunsch geäußert, „alle mögen in Panik geraten“. Mit solchen Äußerungen bewegst du dich am Rande der moralischen Selbstüberhöhung. Aber nur so machst du den Entscheidern klar: Wir haben jetzt noch die Chance, den Planeten zu retten. Deine Mission ist noch nicht beendet. Mach bitte weiter, Greta

Von Florian Quanz

Auch eure Smartphones fallen nicht vom Apfelbaum - Das Kontra

Liebe Greta,

wir haben es inzwischen verstanden. Das Klima ist in Gefahr, und die Menschheit – vor allem die westliche – tut zu wenig, um das zu ändern. Weil sie nicht ausreichend begreift, dass das Festhalten an ihrer Lebens- und Produktionsweise in letzter Konsequenz den Planeten ruiniert.

Ja, Greta, wir haben nur diese eine Erde und müssen sie bewahren. Wir brauchen darum eine Verkehrswende, eine industriepolitische Wende, Energiealternativen und weniger Wachstumsfixiertheit, um die endlichen Ressourcen zu schonen. Du und deine Schulfreunde haben uns das alles zuletzt in Hamburg vor Augen geführt. Alle Medien haben es in die letzten Winkel dieses Landes getragen. Es ist angekommen.

Und, versprochen, wir werden uns weiter bemühen: E-Antriebe und Wasserstoff statt Erdöl, weniger Fleisch, mehr Fahrrad, weniger Plastik, mehr Mehrweg, weniger Kohle, mehr Freilandhaltung, weniger Flugreisen, mehr Demokratie. Habt Geduld mit uns, denn wenn Bewusstsein das Sein prägen soll, kann das länger dauern. Aber das wisst ihr doch selbst, oder? Richtig – auch eure Smartphones und X-Boxes fallen nicht vom Apfelbaum. Und die Politiker, auf die ihr so schimpft, müssen all die genannten Wenden sozial verträglich abfedern. Das geht nicht über Nacht.

Also, liebe Greta: Rühre uns nicht jeden Freitag mit Panikattacken, als ginge die Welt schon samstags unter. Anklagender Unendlich-Protest erzeugt Gegenbewegungen. In polarisierten Gesellschaften können Klimaziele leicht unter die Räder von gegenseitigen Schuldzuweisungen geraten. Also, sensibilisiere noch ein letztes Mal, auch Chinesen und Amerikaner. Dann ist deine Mission erfüllt. Danke dafür. Leise servus

Von Jörg S. Carl

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