"Das Wort Flugscham finde ich albern: Davon wird das Klima nicht besser"

Mit dem Flieger oder per Zug in den Urlaub? So haben Kasseler die Ferien verbracht

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Wunderschönes Norwegen: Schauspielerin Sabine Wackernagel war im Urlaub mit ihrer Familie dreieinhalb Wochen in einem alten Fischerhaus zwischen Bergen und Trondheim. Gereist ist sie mit Zug und Schiff. 

Seit den Fridays-for-Future-Demos denken viele darüber nach, wie sie klimafreundlicher Urlaub machen können. Wir haben Kasseler gefragt, wie die die Klimadebatte ihre Ferien beeinflusst hat. 

Viet-Hoang Nguyen (18, Organisator der Fridays-for-Future-Demos): Meine Eltern, mein Bruder und ich haben eine einwöchige Rundreise durch Österreich gemacht. Wir waren in Wien und Salzburg und haben Abstecher nach Bratislava und Berchtesgaden gemacht. Ein schöner Mix.

Wir haben die Reise so geplant, dass wir ausschließlich mit Zügen und dem ÖPNV unterwegs waren. Das ging alles prima. Ich will das Fliegen vorerst nicht grundsätzlich verdammen. Manchmal gibt es wirklich keine Alternative. Wären wir von Wien zurückgeflogen, hätten wir im Vergleich zum ICE nur die Hälfte bezahlt. Das passt moralisch gesehen nicht in meine Welt.

Nach meinem Abi mache ich ein Übergangsjahr. Ab Januar steht eine möglichst klimafreundliche Backpacking-Tour durch Südostasien bis nach China auf dem Plan. Zu dritt planen wir, nur mit einem Flug auszukommen. Zurück wollen wir mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren. Nächstes Jahr will ich Stadt- und Regionalplanung studieren. Damit kann ich in kleinen Schritten anfangen, die Welt zu verbessern.

Viet-Hoang Nguyen in Salzburg.

Sabine Wackernagel (72, Schauspielerin): Unser Urlaub in Norwegen war wunderschön. Wir reisen seit Jahren an die Westküste, wo wir ein altes Fischerhaus mieten. Das ist der Treffpunkt der Familie geworden. Meine Kinder Katharina, Jonas und Philipp waren mit ihren Familien auch wieder da. Auf der Fähre von Kiel nach Oslo ist es nicht mehr so schön wie früher. Viele nutzen die Fahrt als Mini-Kreuzfahrt. In Deutschland waren wir mit dem Zug unterwegs.

Der Klimawandel ist furchtbar. Ich überlege bei jeder Reise, ob es nötig ist zu fliegen. Aber wenn ich Freunde besuchen will, dann fliege ich auch. In die Türkei, wo Freunde von mir leben, kommt man nur sehr schlecht ohne Flugzeug hin. Das Wort Flugscham finde ich albern: Davon wird das Klima nicht besser. Entweder man fliegt, oder man lässt es. Aber eine Kreuzfahrt würde ich niemals machen.

Christian Geselle (43, Oberbürgermeister): Ich war an der Ostsee in Kappeln an der Schlei. Das Wetter war durchwachsen, aber an Nord- und Ostsee ist es immer schön. Die Klimadiskussion hat bei der Planung meines Urlaubs keine Rolle gespielt. Das Thema Klimaschutz nehme ich ernst, allerdings halte ich nichts von der derzeit geführten Debatte um Fernreisen.

Edgar Knecht (55, Pianist und Musiklehrer): Ich bin gerade mit zwei Freunden auf dem Mountainbike rund um Ponte di Legno in den italienischen Alpen unterwegs. Das ist ganz schön schweißtreibend. Zuletzt habe ich meine neue CD produziert. Deswegen habe ich meinen Urlaub lange aufgeschoben und nun doppelt nachgeholt. Mit meiner Frau war ich in der Provence radeln – sie mit dem E-Bike, ich mit dem Rennrad. Da ich auch immer ein Digitalpiano dabei habe, sind wir mit dem Auto angereist, was leider nicht klimaneutral ist.

Dafür bin ich mit einem Freund für eine 300-Kilometer-Tour durch das Sauerland mit dem Rad in Kassel gestartet. Flüge versuche ich zu vermeiden. Beruflich sind wir allerdings darauf angewiesen. Im Oktober sind wir auf einer Konzertreise in den USA. Da gibt es keine Alternative. Fliegen für den Beruf hat meiner Ansicht nach einen anderen Stellenwert als in der Freizeit.

Edgar Knecht mit seinem Rennrad in der Provence.

Christine Knüppel (65, Geschäftsführerin Kulturzentrum Schlachthof): Wir waren mit einer Gruppe Radfahrern fünf Tage im Emsland unterwegs. Als wir in der Nähe von Lingen waren, wurde dort mit 42,6 Grad ein Hitzerekord gemessen. Immerhin hat der Fahrtwind für Abkühlung gesorgt. Im September plane ich eine Hüttentour in den Dolomiten. Auch dahin fahren wir mit der Bahn.

Ich bin auch früher nie hin- und hergejettet und kann auch beim Wandern in Nordhessen abschalten. Aber ganz aufs Fliegen werde ich wohl nicht verzichten, denn Afrika oder Island zum Beispiel sind spannende Ziele. Und da kommt man nicht anders hin als mit dem Flugzeug. Wenn die Neugier auf die Welt so groß ist, sollte man die Folgen mit CO2-Kompensationen abmildern.

Dirk van der Werf (49, Betreiber der Kneipe Joe’s Garage): Meine Freundin und ich waren mit den Kindern zum zweiten Mal auf Kreta. Ich bin kein Vielflieger, aber wenn wir einmal im Jahr in den Urlaub fliegen, finde ich das nicht so tragisch.

Die ganze Klimadiskussion halte ich für Panikmache. Wir müssen uns um unseren Planeten kümmern, aber wir dürfen nicht hysterisch werden. Bevor wir uns mit CO2 umbringen, haben wir uns mit Plastik längst erledigt. Das habe ich in unserem Hotel erlebt. Die haben die Plastikbecher wie die Irren rausgehauen, bestimmt 20 000 Stück am Tag. Wir hatten uns Mehrwegbecher mitgebracht.

Wir müssen nicht nur fordern wie Greta Thunberg, sondern auch etwas tun. Wenn ich bei Facebook zu Müllsammelaktionen in Kassel aufrufe, finden das alle toll, aber es kommt kaum einer.

Moritz Wesseler (38, Direktor Museum Fridericianum): Momentan bin ich auf Sardinien. Die Anreise erfolgte auf dem Luftweg. Allerdings bin ich in den letzten Jahren kaum mit dem Flugzeug in den Urlaub gereist. Im Alltag versuche ich, Luftfahrten zu vermeiden.

Auch im Fridericianum gehen wir sehr bewusst mit der Frage um, wie man ressourcenschonender agieren kann. So haben wir uns im Team vorgenommen, Flugreisen für Recherchen zu minimieren. Zuletzt hatte ich einen Termin in London. Einen Paris-Besuch habe ich dann so gelegt, dass ich am nächsten Tag mit dem Eurostar von England nach Frankreich fahren konnte. In Kassel nutze ich ÖPNV und Fahrrad. Ein Auto besitze ich nicht.

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