„Alles wird auf uns Kleine abgewälzt. Warum soll ich dann noch etwas tun?"

Fridays for Hubraum: Warum der Klima-Protest gegen Greta so brummt

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Vom Umweltschutz hat sich Jörg Schmid verabschiedet: Mit seinem Motorrad fährt der Bäckermeister aus Baunatal 40 000 Kilometer im Jahr.

Mehr als 550.000 Facebook-Nutzer haben sich in der Gruppe "Fridays for Hubraum" organisiert. Sie kritisieren die Klimapolitik und oft auch Greta Thunberg. Einer von ihnen ist Jörg Schmid aus Baunatal.

Auf den ersten Blick sieht Jörg Schmid aus wie der Albtraum von Greta Thunberg. Der 55-Jährige aus Baunatal arbeitet als Konditor auf Kreuzfahrtschiffen, fährt mit seinem Motorrad jedes Jahr „nur so zum Spaß“ 40.000 Kilometer und bekennt: „Ich habe mich bewusst vom Umweltschutz abgemeldet.“ Seit Kurzem ist Schmid auch noch Anhänger der Facebook-Gruppe „Fridays for Hubraum“ (FFH), die als Gegenbewegung der Klimaaktivisten Schlagzeilen macht. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Der Gründer

Als Schmid „Fridays for Hubraum“ beitrat, hatte die Gruppe bereits eine halbe Million Mitglieder. Dabei war die Initiative eigentlich nur als Witz gedacht. Monatelang hatte der westfälische Autotuner Christopher Grau die Berichte über „Fridays for Future“ verfolgt. Mitte September war er davon so genervt, dass er etwas bei Facebook postete. Ein Freund gründete daraufhin die Gruppe und machte ihn zum Administrator.

Sie wollten „dem überhandnehmenden Klimawahn mit Spaß entgegentreten“, schrieben sie. Doch Spaß verstehen viele nicht mehr. Der AfD-Chef Jörg Meuthen lobte „Fridays for Hubraum“ als „vernünftige Reaktion gegen den ideologischen Irrsinn der Ökoaktivisten“. Andere Rechtspopulisten luden schnell so viele Greta-Hass-Posts hoch, dass die Gruppe zwischenzeitlich geschlossen werden musste. Den Pegida-Gründer Lutz Bachmann schmissen die Betreiber angeblich raus.

Die Kritik

Auch der Nordhesse Jörg Schmid will mit den rechten Auswüchsen nichts zu tun haben. Greta Thunberg ist für ihn „eine Heldin“ und „der feuchte Traum der Grünen“. Er wundert sich, wie viel Hass Erwachsene für eine 16-Jährige entwickeln können. Schmid ist der Schwedin näher, als es auf den ersten Blick scheint.

Schon 1991 stattete er seine Bäckerei in Großenritte mit einer Wärmerückgewinnungslage aus. Über das Klima redeten damals nur die Grünen. Schmid, der sich im Netz Jean Jaques Glumé nennt, weiß, dass der Klimawandel künftige Generationen bedroht, aber ihn stört, wie die Politik darauf reagiert: „Alles wird auf uns Kleine abgewälzt. Die Konzerne kommen davon. Warum soll ich dann noch etwas tun?“

So denken viele bei Fridays for Hubraum, auch in Nordhessen. Auf einen Aufruf von uns meldeten sich zahlreiche Sympathisanten. Ein stolzer Besitzer eines Diesel-Mercedes und eines Oldtimers „ohne Abgasreinigung“ schrieb: „Ich hasse Greta.“

Der Kreuzfahrer

Es bleibt die Frage, was aus dieser Wut wird. Manche befürchten auch hierzulande Gelbwestenproteste wie in Frankreich. Einige Hubraum-Aktivisten fordern, wie die Fridays-for-Future-Schüler auf die Straße zu gehen. Falls es so weit kommt, will Gründer Grau aufhören mit der Bewegung, die gerade erst angefangen hat, eine zu sein.

Auch Schmid hat andere Pläne. Ende 2016 hat er seine Bäckerei in Baunatal nach 55 Jahren Firmengeschichte sowie die Filiale in Niederzwehren zugemacht, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen: Der ehemalige Bundeswehrsoldat, der weder Kinder noch Ehefrau hat, ist nun auf hoher See unterwegs.

Jeweils vier Monate am Stück arbeitet er als Konditor auf der Mein-Schiff-Flotte von Tui Cruises. Baunataler Bienenstich gibt es seither auch auf Kreuzfahrtschiffen, die mit bis zu 4000 Menschen durch den Indischen Ozean und die Karibik schippern. Anschließend hat er zwei Monate Heimaturlaub.

Wenn Schmid sich nun bei Facebook zur Klimadebatte äußert, werfen ihm Freunde vor: „Du mit deinen Kreuzfahrten musst gerade reden.“ Schmid weiß, dass sein Job nicht gerade nachhaltig ist. Aber er beklagt die Doppelmoral: „Es gibt gerade mal 450 Kreuzfahrtschiffe, aber über die 40 000 Frachtschiffe, die viel dreckiger sind und alles überall hinkarren, redet kein Mensch.“

Bis auf die Linke hat er in seinem Leben schon fast alle Parteien gewählt, einmal sogar die AfD, als die nur eurokritisch war und noch nicht die Partei des Rechtsaußen Björn Höcke. Für wen würde er jetzt stimmen? Schmid überlegt und sagt: „Wahrscheinlich für die Grünen.“ Das würde auch Greta freuen.

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