Plagiatsvorwurf

Vier Todesfälle am Hospital in Fritzlar: Hat die falsche Ärztin ihre Doktorarbeit erschummelt?

Die mutmaßlich falsche Ärztin Meike W. promovierte an der Uni Kassel - hat sie sich den Doktortitel auch erschummelt?
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Die mutmaßlich falsche Ärztin Meike W. promovierte an der Uni Kassel - hat sie sich den Doktortitel auch erschummelt?

Plagiatsvorwurf steht im Raum: Hat die falsche Ärztin, die für den Tod von vier Patienten im Fritzlarer Krankenhaus verantwortlich sein soll, ihre Doktorarbeit erschummelt?

Die heute 48-Jährige erhielt 2007 die Doktorwürde im Fachgebiet Biochemie an der Universität Kassel. Doch womöglich trägt sie auch diesen Titel zu Unrecht.

Viele Passagen ihrer Dissertation sind offensichtlich abgeschrieben. Schon mit einer einfachen Google-Recherche finden sich im Handumdrehen eindeutige Plagiate. „Da wurde seitenweise abgekupfert“, sagt ein Wissenschaftler der Kasseler Hochschule, der die Arbeit stichprobenartig überprüft hat. 

Falsche Ärztin Meike W.: Ganze Passagen der Doktorarbeit von anderen Autoren übernommen

Die damalige Doktorandin hat auch längere Textpassagen, die von anderen Autoren stammen, nahezu ohne Veränderungen übernommen – aber nicht als Zitate gekennzeichnet. Einige der verwendeten Quellen werden entgegen der wissenschaftlichen Standards auch im Literaturverzeichnis der Arbeit nicht aufgeführt.

Doktorarbeit der falschen Ärztin: In manchen Teilen auffallend viele Rechtschreib- und Kommafehler

Für ihre Doktorarbeit über Biomarker zur Früherkennung von Krebs hatte die Kasselerin seinerzeit Gewebeproben am Klinikum Kassel untersucht. In den Textpassagen des experimentellen Teils, die vermutlich selbst verfasst sind, finden sich im Vergleich zum theoretischen Teil auffallend mehr Rechtschreib- und Kommafehler. 

Stilistisch fallen manche Passagen der Doktorarbeit stark ab

Auch stilistisch fallen diese Passagen spürbar gegenüber den anderen Kapiteln ab. Prof. Dr. Friedrich W. Herberg, der die Arbeit damals als Erstgutachter bewertete, sagte gegenüber der HNA, er könne nicht ausschließen, dass es in der Arbeit plagiierte Passagen gebe. „Das würde mich sehr ärgern.“ Seinerzeit habe er bei der Doktorarbeit keinen Anlass zu besonderer Skepsis gehabt. Heute setze man selbst bei Praktikumsberichten standardmäßig eine Prüfsoftware ein.

Kasseler Professor will Doktorarbeit von Meike W. nun genau prüfen

Die Universität sagte, bislang habe man „keinen offiziellen Hinweis“ auf ein Fehlverhalten in der Doktorarbeit erhalten. „Sollten sich Anhaltspunkte ergeben“, werde der zuständige Promotionsausschuss eine Prüfung einleiten. Der Kasseler Wissenschaftler, dem die Schummeleien aufgefallen sind, will die Doktorarbeit nun bei der Prüf-Plattform „Vroniplag“ einreichen. 

Hintergrund: Meike W. war drei Jahre als Narkoseärztin im Hospital in Fritzlar tätig

Meike W. war von 2015 bis 2018 als Assistenzärztin im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar beschäftigt. Dafür hatte sie offenbar eine gefälschte Arzt-Zulassung vorgelegt. Die falsche Ärztin war dort unter anderem in der Anästhesie tätig und soll für den Tod von vier Patienten verantwortlich sein. Sie war zudem 2012 für die SPD als Bürgermeisterkandidatin in Bad Emstal angetreten. In Kassel saß sie 2013 im Stadtparlament.

Falsche Ärztin war „unauffällige Doktorandin“ - Plagiat fiel bislang nicht auf

Die Doktorarbeit von Meike W. ist über den Online-Dokumentenserver der Kasseler Uni-Bibliothek für jedermann einsehbar. „Ich versichere, dass ich diese Arbeit selbstständig verfasst, keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel verwandt und Abbildungen oder Textpassagen, die anderen Werken im Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, mit Quellenangeben kenntlich gemacht habe“, heißt es im Vorspann der Dissertation.

Meike W. hat es offenbar auch bei der Doktorarbeit mit der Wahrheit nicht genau genommen

Offenbar hat die Autorin es auch in diesem Fall mit der Wahrheit nicht so genau genommen. In Fritzlar hatte die heute 48-Jährige im Krankenhaus als Narkose-Ärztin gearbeitet – mutmaßlich ohne entsprechende Fachkenntnisse, geschweige denn eine ärztliche Zulassung zu haben. Sie soll gefälschte Urkunden vorgelegt haben.

Doktorvater von Meike W.: "Das hat mich erschreckt"

Prof. Dr. Friedrich W. Herberg hat vor einigen Tagen erfahren, was aus seiner früheren Doktorandin geworden ist. „Das hat mich erschreckt“, sagt der Leiter des Fachgebiets Biochemie der Uni Kassel gegenüber der HNA. Zwar liegt die Dissertation inzwischen mehr als zwölf Jahre zurück. Doch Herberg erinnert sich noch an Meike W.: „Sie war eine sehr lebhafte Person“, sagt er. Aber ansonsten eine unauffällige Doktorandin. „Sie hatte sich eingearbeitet in die Sache.“ Deshalb habe er bei der Begutachtung der Arbeit „keinen Anlass gehabt, überkritisch zu sein“, so der Professor.

Eine Besonderheit der Dissertation sei die Kooperation mit dem Klinikum Kassel gewesen

 Dort hatte W. im Institut für Pathologie Gewebeproben untersucht, um Erkenntnisse über Biomoleküle zu gewinnen, die bei der Entstehung von Krebserkrankungen eine Rolle spielen. Am Klinikum wurde sie von Prof. Dr. Josef Rüschoff betreut, Zweitgutachter der Arbeit. Der Leiter der Pathologie war vergangene Woche nicht für die HNA zu erreichen.

Bei einer solchen interdisziplinären Arbeit sei es womöglich leichter, „sich durchzumogeln“, sagt Uni-Professor Herberg. Denn die Betreuung sei weniger intensiv als im Regelfall, wenn Doktoranden vor Ort betreut würden.

Heute würde ein schlampiges wissenschaftliches Arbeiten aller Wahrscheinlichkeit nach auffallen

Man setze inzwischen selbst bei studentischen Hausarbeiten eine Software ein, die auf Plagiate prüfe, sagt Herberg. 2007, als Meike W. promovierte, habe man die Möglichkeit noch nicht gehabt, Arbeiten ohne Weiteres detailliert zu prüfen. Aber auch heute könne man nicht alles kontrollieren, gibt Herberg zu bedenken. Schließlich gehe es ja bei einer Doktorarbeit um eigenständige wissenschaftliche Leistungen. „Eine gewisse Selbstverantwortung muss ich voraussetzen.“ Bei Meike W. war das offenbar zu viel verlangt.

Das sagt die Universität Kassel: Bisher kein offizieller Hinweis zu Meike W.`s Doktorarbeit eingegangen

Auf Anfrage der HNA äußerte sich ein Uni-Sprecher wie folgt: „Die Universität Kassel geht grundsätzlich stichhaltigen Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten nach. Bislang haben wir allerdings keinen offiziellen derartigen Hinweis dazu bekommen, dass die angesprochene Doktorarbeit fehlerhaft wäre. 

Sollten sich Anhaltspunkte ergeben, die eine Prüfung der Dissertation durch den zuständigen Promotionsausschuss angezeigt erscheinen lassen, wird der oder die Vorsitzende des Ausschusses eine Prüfung einleiten.“ Wir wollten auch wissen, wie die Arbeit benotet wurde. Dazu hieß es: „Die Benotung der Dissertation unterliegt als Prüfungsleistung dem persönlichen Datenschutz und darf von uns daher nicht weitergegeben werden.“

Wie es passieren konnte, dass die gefälschte Approbation über Jahre nicht auffiel, darüber sprach Christof Diefenbach mit uns. Er ist Leiter des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen und er sagt: "Der Fehler wäre vermeidbar gewesen".

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