Psychologe über neuen Gemeinsinn und alte Egoismen

Skeptiker, Leugner, Regelbefolger - So verändert Corona die Gesellschaft

Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin
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Corona spaltet die Gesellschaft: Das sagt der Kasseler Psychologieprofessor Dr. Ernst-Dieter Lantermann zur Coronakrise.

Die Coronakrise hat seit nunmehr einem halben Jahr unseren Alltag im Griff. Sie verändert auch unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben.

Kassel - Wir sprachen mit dem Kasseler Psychologieprofessor Dr. Ernst-Dieter Lantermann. Einige Menschen wünschen sich strengere Regeln zum Schutz vor dem Virus. Auf der anderen Seite melden sich immer mehr Corona-Skeptiker und -Leugner zu Wort.

Trägt Corona zur Spaltung der Gesellschaft bei?
Ja, zumindest vorübergehend treibt die Coronakrise gesellschaftliche Konflikte voran. Am Anfang der Pandemie war das anders. Da gab es eine große Solidarität: Erinnern wir uns an Applaus für Pflegepersonal und Supermarktmitarbeiter oder an Nachbarschaftshilfe und Einkaufsdienste für alte und kranke Menschen. In den ersten Wochen der Krise war das Vertrauen in den Staat und die von der Regierung geradezu unglaublich groß. Doch inzwischen sind die alten Fronten wieder aufgebrochen.
Warum war die Stimmung zu Beginn der Pandemie anders?
Es gab eine regelrechte Angststarre. Die öffentliche Debatte kreiste fast ausschließlich um diese neue, ganz konkrete Gefahr für Leib und Leben. In so einer Notsituation sucht man Sicherheit bei Autoritäten. Die Menschen waren bereit, einen starken Staat zu akzeptieren, der sagt, wo es langgeht. Sie nahmen in Kauf, dass alltägliche Gewohnheiten eingeschränkt oder verboten wurden. Nach Jahren wachsenden Misstrauens gegenüber staatlichen Institutionen akzeptierte der Großteil der Bevölkerung dankbar die Rolle des Staats als sorgende Autorität, der man sich ohne Vorbehalt anvertrauen kann.
Und wieso ist das wieder gekippt?
Das lag vor allem daran, dass die Angst wieder nachgelassen hat. Man nennt das Phänomen auch Prophylaxe-Paradoxon: Weil die von oben angeordneten Vorsichtsmaßnahmen wirkten, breitete sich die Einschätzung aus, dass doch alles gar nicht so schlimm ist.
Die Sorgen nahmen ab, die Kritik an den Coronaregeln lautstark zu. Immer mehr Menschen bekamen nun Wut auf „die da oben“, die sich in unser Leben einmischen und uns daran hindern, das zu machen, was wir wollen. Dazu mischte sich noch ein verdeckter Selbsthass darüber, dass man sich den Vorgaben der Autoritäten gebeugt hat. Die zwischenzeitliche Besinnung auf das Gemeinwohl und den Gemeinsinn wird jetzt abgelöst von einer entfesselten Selbstermächtigung.
Was meinen Sie damit?
In der Psychologie sprechen wir von Selbstermächtigung, wenn Menschen sich von äußeren Zwängen lösen, um ihre eigenen Interessen selbstbestimmt zu vertreten. Eigentlich ist das etwas Gutes. Doch immer öfter lässt sich heute beobachten, dass Menschen dabei gar nicht mehr bedenken, welche Folgen das Ausleben ihrer Interessen auf andere hat.
Das meine ich mit entfesselter Selbstermächtigung. „Jetzt bin ich dran, Schluss mit Rücksicht auf andere, Schluss mit Respekt“, so könnte man die Haltung in Worte fassen. Sie zeigt sich aktuell auch, wenn Menschen sich weigern, eine Maske zu tragen. Vor dem Hintergrund von Corona sind die möglichen Folgen von solchen Rücksichtslosigkeiten besonders gravierend.
Die Haltung gab es auch vor Corona schon. Woher kommt sie?
Das hat damit zu tun, dass sich viele Menschen durch den rasanten gesellschaftlichen Wandel überfordert fühlen: Globalisierung und Digitalisierung, die Verdichtung der Arbeit, das Aufweichen von festen Familienverbünden tragen zu einer allgemeinen Verunsicherung bei. Wenn aber das grundlegende Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung des Menschen nicht befriedigt wird, gerät die Psyche in Schieflage. Dann ist es nicht weit bis zu einem Zustand der Dauererregung, in dem man sich durch alles und jeden eingeschränkt, benachteiligt oder bedroht fühlt.
Also verstärkt Corona lediglich Entwicklungen, die längst vorhanden waren?
Ja, die Coronakrise hat sie nicht ausgelöst, aber – nach einer kurzen Atempause zu Beginn der Pandemie – beschleunigt. Dazu muss man sagen, dass auch Menschen in meinem Alter es noch nie erlebt haben, dass der Staat so massiv in unseren Alltag eingreift, Gehorsam verlangt, Strafe androht und Lob verteilt. Die Folgen der Coronaregeln sind sehr stark für jeden Einzelnen spürbar, das Virus aber ist unsichtbar. Die Politik und andere Akteure in der Krise hätten angesichts des rigiden Maßnahmenkatalogs auch besser kommunizieren und die Zivilgesellschaft mehr einbeziehen müssen.
Würde das die Akzeptanz erhöhen?
Langfristig werden die Corona-Maßnahmen nur befolgt werden, wenn man die Leute überzeugt, und nicht einfach etwas anordnet. Deshalb ist es wichtig, in der Öffentlichkeit Entscheidungen transparent zu machen, auch Fehler einzugestehen und vor allem mit Experten und Betroffenen das Gespräch zu suchen. Was zum Beispiel das Besuchsverbot in Altenheimen betrifft, hätte man doch frühzeitig Planer um Rat bitten können, wie man Besuchsräume gestalten kann.
Mit einem Kommunikationsstil, der nicht auf Dialog setzt, befördert man das Gefühl vieler Menschen, nicht ernst genommen zu werden.
Haben Sie ein Beispiel?
Da gibt es jede Menge, auch unabhängig von Corona. So gab es neulich den Protest von Motorradfahrern, die sich „Biker for freedom“ nennen. Das ist für mich ein Beispiel an der Grenze zu entfesselter Selbstermächtigung. Den Motorradfahrern geht es nur um das eigene Vergnügen. Sie wollen ihr Hobby ohne Einschränkungen ausüben.
Dass andere sich durch den Lärm gestört fühlen könnten, blenden sie aus. Allerdings kann man auch von einem aufgeklärten Staat erwarten, dass er Motorradfahrerverbände als Betroffene und Experten anhört, bevor er Sonntagsfahrverbote ins Spiel bringt. Kommunikation und Selbstverständnis der Politik sind mitunter problematisch.
Auch in Kassel?
Auch im Kasseler Rathaus müsste man sich an vielen Stellen mehr um Dialog bemühen. Dass etwa die Bürgerinitiative gegen die Bebauung des Karlsplatzes so viel Zulauf bekommen hat, liegt meiner Meinung nicht nur daran, dass der Standort für das documenta-Institut von vielen Menschen abgelehnt wird. Sondern die vielen gesammelten Unterschriften sind auch Ausdruck des Protests gegen die Art der Entscheidungsfindung, bei der Betroffene nicht von Anfang an einbezogen werden.
Seit Oberbürgermeister Christian Geselle das Sagen hat, der sich als Macher versteht und die Dinge schnell voranbringen will, geht es scheinbar mehr um „zack zack“ als um einen Interessenaustausch auf Augenhöhe.
Zurück zu Corona: Im Moment steigen die Infektionszahlen wieder. Welche Entwicklung erwarten Sie in psychologischer Hinsicht?
Einen zweiten Lockdown wird man nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht machen können.
Nochmals wird man nicht auf das Bedürfnis der Menschen nach einer starken Autorität setzen können. Das Kapital ist verspielt. Lokale Einschränkungen in Hotspot-Regionen wird die Bevölkerung eher akzeptieren. Aber die Skepsis und die Kritik an den behördlichen Maßnahmen wird vermutlich weiter wachsen.
Was kann man Corona-Leugnern im Alltag entgegnen?
Mit echten Fanatikern und Verschwörungsideologen hat es keinen Sinn zu reden, weil jedes Gegenargument nur als Bestätigung gesehen wird. An die kommt man nicht ran. Mit jenen, die an Corona und den Regeln zweifeln, sollte man den Dialog suchen, bestimmt aber freundlich. Ganz wichtig ist dabei, nicht den Menschen abzuwerten, sondern nur sein Verhalten zu kritisieren. Also nicht zu sagen: „Du bist ein Idiot“, sondern: „Ich finde Ihr Verhalten rücksichtslos“. (Katja Rudolph)

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