Interviews von Schülern für Projekt "medien@schule"

Früher rebellisch, heute desinteressiert? Das sagen Kasseler Politiker zur Jugend

Kassel. Das politische Interesse der Jugend schwindet. Immer weniger interessieren sich für nationale oder kommunale Politik. Warum? Dazu haben Schüler der Albert-Schweitzer-Schule mit Lokalpolitikern gesprochen.

Laut einer Umfrage an der Albert-Schweitzer-Schule in Kassel interessieren sich über 90 Prozent der befragten Schüler, der Jahrgangsstufen 7,8,9 und E-Phase, kaum bis gar nicht für Politik. Doch warum ist nur so ein kleiner Teil der Schüler politikinteressiert und wie könnte man dieses Thema attraktiver für die Wähler der Zukunft machen?

Deshalb haben wir Interviews mit den zwei Kasseler Regierungsparteien und zwei Kasseler Oppositionsparteien geführt und sie mit den Ergebnissen der Umfrage konfrontiert.

Das sagt die SPD:

Patrick Hartmann

Das Interview mit der SPD wurde am 03.05.18 im Kasseler Rathaus mit dem SPD-Abgeordneten Patrick Hartmann geführt. Die Antworten sind hier sinngerecht wiedergegeben.

Finden Sie, dass in Kassel genug für die politische Bildung von Kindern getan wird und welchen Verbesserungsvorschlag würden Sie einwerfen?

Hartmann: „Es wird sehr viel für die politische Bildung von Jugendlichen getan. Durch das Jugendparlament, welches zurzeit vorbereitet wird, haben Jugendliche auch einen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Dieses Parlament ist auch beantragt worden, um Jugendlichen einen Einblick in kommunal Politik zu geben.“

Gibt es in anderen Städten auch ein Jugendparlament oder ist es das Erste?

Hartmann: „Es gibt tatsächlich mehrere Jugendparlamente. Beispielsweise gibt es eins in Fulda.“

Ist das Jugendparlament Ihrer Meinung nach die richtige Herangehensweise?

Hartmann: "Meiner Meinung nach ist dies eine Herangehensweise die Jugend von Politik zu begeistern von vielen. Es ist aber auch einer der effektivsten."

Was wäre Ihre Untergrenze für die Altersgruppen dieses Parlamentes?

Hartmann: "Die Untergrenze liegt bei 11 Jahren, aber wir haben auch ein Maximum festgelegt. Dieses Altersmaximum beträgt 19 Jahre."

Werden auch Fraktionen dort von Jugendlichen vertreten oder ist das Jugendparlament fraktionslos?

Hartmann: "Tatsächlich werden die Jugendlichen dort allgemein gewählt, also wäre das Parlament Fraktionslos."

Finden sie, dass Ihre Partei genug für die Bildung von Jugendlichen macht?

Hartmann: "Definitiv. Wir sind ein Teil derer, die das Jugendparlament initiiert haben, was dies bestätigen würde."

Würden Sie ein abnehmendes Interesse an kommunaler Politik von Jugendlichen mit mangelndem, wie vorhin genannt, familiären Austausch oder den Themen dieser Politik selbst begründen?

Hartmann: "Der Grund der fallenden Interesse ist eigentlich keiner der genannten. Da in der Schule die Wichtigkeit und Menge des politisch bezogenen Unterrichts reduziert wurde, verloren die Schüler immer mehr ihr Interesse an diesem Thema. Meiner Meinung nach sollte man den Jugendlichen die Methodik erklären, durch welche sie auch Nachrichten im Internet nach Richtigkeit filtern können. Somit würde der Mangel an schulischer Nähe zur Politik kompensiert werden."

Fazit der Schüler: Die SPD versucht durch das aktive Einbinden von Jugendlichen sowohl eine bessere Zukunft zu schaffen, als auch das allgemeine Interesse an diesen Themen zu erhalten. Ihnen ist es besonders wichtig, dass das WIR hierbei nicht vernachlässigt wird. Die SPD isst auch Befürworter des Senkens des Wahlalters, weil eine Wahl aus mehr Perspektiven mehr Menschen zufrieden stellt.

Das sagen die Grünen:

Am 3. Mai hatten wir ein Interview mit dem Politiker Boris Mijatovic, welcher der Partei der Grünen angehört und Sprecher im Stadtparlament für die Jugendpolitik ist.

Boris Mijatovic

Mijatovic reagierte auf unsere Frage, warum sich Jugendliche nicht für Politik interessieren, mit einer Verneinung der Frage. Laut ihm können sich Jugendliche sehr wohl für Politik interessieren, sofern man sie in Themen einbindet welche sie betreffen. Wenn es um zum Beispiel einen neuen Fußballplatz geht oder das Mensaessen könnten Jugendliche sich schon politisch verhalten und ihre Interessen und Lösungsvorschläge bündeln. Wenn man also Jugendliche in für sie in ihrem Leben relevante Themen einbindet und fragt, so können sie sich politisch verhalten und politisch handeln. Wenn sich Jugendliche in öffentlichen Einrichtungen wie der Goetheanalge treffen, dann seien sie schon Teil der Politik, da es in ihrem Interesse liegt, dass dies auch eine öffentliche Einrichtung bleibt. Es sei nicht das Ziel, dass Jugendliche Nachrichten schauen, sondern viel eher, dass sie das Wissen über die Möglichkeiten haben wie sie sich organisieren können wenn es ein Problem gibt.

Laut Mijatovic ist die Jugendpolitik in Kassel sehr gut aufgestellt, da es ein Jugendforum gib t bei dem Kinder und Jugendliche einmal im Jahr abgefragt werden was sie wollen bzw. was ihre Wünsche sind. Oder auch bei der Stadtgestaltung beteiligt sind, wodurch beispielsweise momentan ein neuer Skatebowl platziert werde. Die Grünen hätten mehrere Veranstaltungen bei denen sich Jugendliche für Politik engagieren und Vorschläge, Wünsche oder Fragen zu der Partei oder der generellen Politik stellen können.

Warum sollten Erstwähler ihre Partei wählen? Laut Mijatovic, da sich die Grünen sehr für die Zukunft einsetzen, da sie versuchen, die Umwelt zu schonen (Atomkraftwerke abschaffen, weniger Kohlenstoffdioxid Ausstoß, genereller Umweltschutz).

Das sagt die CDU:

Valentino Lipardi

Das Interview mit der CDU wurde am 3. Mai im Kasseler Rathaus mit dem CDU- Abgeordneten Valentino Lipardi geführt. Die Antworten sind hier sinngerecht wiedergegeben.

Finden Sie, in Kassel wird genug für die politische Bildung Jugendlicher getan?

Lipardi: "Die aktuellen Projekte der Stadt werden erst in der Zukunft fertiggestellt. Die aktuelle Politik möchte damit die zukünftigen Erwachsenen, also die Jugendlichen, durch die Verbesserung der Angebote im späteren Leben bestärken. Dazu wird es bald das Jugendparlament geben, welches eine frühe Einbindung der Jugendlichen in die Politik bewirken soll. Zusätzlich verspricht man sich dadurch, die Förderung bereits interessierter Jugendlicher. So kann man dann auch den politischen Nachwuchs besser auf ihre Zukunft vorbereiten. Die CDU gibt der Jugend die Chance, von deren Position aus andere zu bewegen." 

Warum interessieren sich Ihrer Meinung nach so wenige Jugendliche für Politik?

Lipardi: "Es könnte an der neueren Kultur liegen. Die Gesellschaft entwickelt sich voneinander weg. Die Jugend will sich nicht mehr so fest an einen Verein oder auch eine Partei zu binden. Sie wollen eher aus der Situation entscheiden oder lieber das machen, was ihnen im Moment Spaß macht."

Finden Sie Ihre Partei macht genug für die Jugend?

Lipardi: "Die jungen Politiker der CDU wurden, auf Empfehlung des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, zur Hälfte auf die sicheren Listenplätze gesetzt. So will man die Jugendlichen fördern."

Warum sollten Jugendliche/Erstwähler Ihre Partei wählen?

Lipardi: "In der CDU ist es möglich etwas von der Basis aus zu verändern. Die CDU bringt ein weites Spektrum von Meinungen zusammen. So werden sowohl konservative als auch Mitte-Links Meinungen vertreten. Jedoch symbolisiert man nicht das „typische“ konservative Bild, sondern man will einfach an den alten Werten festhalten, welche dieses Land zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Man möchte allen Menschen individuelle Chancen geben ihr Potential zu nutzen. Dabei muss nicht jeder Abitur haben und nicht jeder muss studieren. Mann will den deutschen Qualitätsstandart halten. Dies ist nur so möglich, dass man anerkennt, dass jeder verschieden ist und andere Qualifikation besitzt.

So will man auch die Kleinunternehmer fördern, um die aktuelle Situation in der Innenstadt in Zukunft zu vermeiden. Dort werden die alten Familienunternehmen durch viele Ketten ersetzt, somit wird die Vielfalt der Waren geraubt."

Fazit der Schüler: Die CDU hat erkannt, dass es kein Sinn macht, durch ältere Menschen die Jugend zu erreichen. Die Jugendlichen würden das sowieso nur als vergebene Mühe ansehen, da es lächerlich ist, wenn ein älterer Herr dann anfängt mit Jugendsprache zu kommunizieren. Um das zu lösen möchte man durch Jugendliche, die schon da sind, neue anwerben. Indem diese vielleicht ihre Freunde davon überzeugen mitzumachen oder man könnte auch mit diesen Jugendlichen dann wirklich Werbung von und für die Jugend machen. Das würde aber natürlich auch nur dadurch gehen, indem man die Jugendlichen befragt.

Das sagt die AfD:

Thomas Materner

Das Interview wurde am 3. Mai im Kasseler Rathaus mit Thomas Materner, dem Direktkandidaten der AfD Kassel Ost, und dem AfD-Abgeordneten Sven Dreyer geführt. Die Antworten sind hier sinngerecht wiedergegeben.

Finden Sie, dass für die Jugend in Kassel genug getan wird?

Dreyer: „Wir sehen starke Defizite in der Ausstattung der Schulen, welche ihren Bildungsauftrag so nicht erfüllen können. Das dafür vorgesehene Geld fließt in Bereiche der Jugendhilfe, in denen gezielt Ideologie betrieben wird. Eine Recherche über den Kasseler Haushalt zeigte, dass linke und sogar linksradikale Bewegungen finanziell unterstützt werden. Die Finanzierung linksradikaler Gruppen widerspricht der Vorgabe, Radikalismus zu unterdrücken. Und das kann ja wohl nicht sein.“

Materner: „Institutionen wie der „Schlachthof“ bieten Weiterbildungsmaßnahmen an, das ist einerseits gut. Es gibt dort aber auch fragwürdige Projekte."

Was könnte man also an der Jugendarbeit verbessern?

Dreyer: „Auch bei unserer Partei sind Petitionen eingegangen, die die Ausstattung und die Zustände an den Schulen anprangern und um Unterstützung dahingehend bitten. Wir schieben in Kassel 130 Millionen Euro Sanierungsstau in Schulen vor uns her. Das kann so nicht sein. Man nimmt die Wahlkampfgeschenke aus Wiesbaden, um Löcher zu stopfen, kommt dort aber nur auf eine Summe von über 30 Millionen Euro. Über 40 Millionen Euro werden aber jährlich aus Landesmitteln genommen, um illegale Einwanderer zu versorgen. Da werden wohl falsche Prioritäten gesetzt.“

Meinen Sie, dass auch rechtsextremistische Jugendorganisationen aus Staats- bzw. Landesmittel finanziert werden sollten?

Dreyer: „Wir wünschen uns eine kritische Prüfung aller finanzierten Organisationen. Diejenigen, die gegen Grundrecht agieren, sollten nicht gefördert werden. Mittel sollten aufgestockt werden, aber jede extremistische Bewegung sollte unterdrückt werden."

Materner: „Es gab ein Jugendcafe in der Treppenstraße, dass gut angenommen wurde, aber wegen 20 Tausend Euro Defizit im Jahr schließen musste, demgegenüber steht die Finanzierung der Flüchtlingspolitik. Ich halte die Versorgung der Flüchtlinge in den Nachbarländern der Krisengebiete, wo man mit dem gleichen Geld ungleich mehr erreichen könnte für sinnvoller.“

Entwicklungsminister Müller sprach sich für eine Ausbildung der Flüchtlinge in technischen Berufen aus, die sie dann beim Wiederaufbau ihrer Länder nutzen könnten.

Dreyer: „Dies könnte in kriegsnahen Flüchtlingsgebieten weitaus günstiger vollzogen werden. Es würde auch Arbeitsplätze in den helfenden Ländern generieren. Auch könnte man so dort die Infrastruktur verbessern. Ich möchte noch einmal das Ungleichgewicht zwischen Investitionen in Schulen und Investitionen in Flüchtlinge hervorheben. Jährlich gibt Hessen ca. 40 Millionen Euro für Flüchtlinge aus und einmal in einer Legislaturperiode 23 Millionen Euro für Schulsanierungen.

Höhere Investitionen an den Schulen führen so auch zu einer besseren politischen Bildung?

Dreyer: „Nein, ihr sollt eine Ausbildung erhalten, die euch ein Studium oder eine Berufsausbildung ermöglicht. Die Schüler müssen befähigt werden, mit modernen Computersystemen umzugehen um den Anforderungen einer Industrie 4.0 zu entsprechen. Die Schulen sind weder seitens der Lehrerschaft noch ausstattungsmäßig darauf vorbereitet.“

Materner: „Im Schulausschuss zur dringend notwendigen Sanierung der Julius-Reuter-Schule habe ich angeprangert, dass die Investitionen in die falsche Richtung gehen. Elfenbeinturmprojekte wie Inklusion werden stark gefördert, obwohl Inklusion so, wie sie gelebt wird, eine Mogelpackung für alle ist. Die Abschaffung der Förderschulen führt nicht so einer besseren Förderung des Einzelnen, da die Förderschüler ja bleiben. Niemanden ist mit so einem Ansatz geholfen. Mit dem jetzigen Inklusionsansatz verlieren alle, da Lehrer nicht die Zeit und die Ausbildung haben und so die Förderung aller Schüler leidet. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Frühsexualisierung. 7- bis 8jährige werden im Rahmen des Unterrichtes viel zu früh an Sex herangeführt. Wir legen Wert auf klassische Schulbildung ohne Experiment.“

Und haben Sie eine Erklärung, warum sich nur so wenig junge Leute für Politik interessieren?

Dreyer: „Also eine Erklärung habe ich da auch nicht unbedingt, aber wahrscheinlich weil in der Schule nicht ausreichend Wissen vermittelt wird. Und die regierenden Parteien wollen ja gar nicht, dass die Bevölkerung womöglich kritisch auf die Regierung reagiert.“

Materner: „Es kann aber auch daran liegen, dass Frau Merkel die Sache einfach eingeschläfert hat um ihre Kanzlerschaft zu sichern.“

Fazit der Schüler: Die AfD findet die politische Bildung der Jugendlichen und den Sanierungsstau der Schulen fatal, findet aber auch keine richtige Lösung für die Probleme. Während des gesamten Interviews wurde sich immer wieder in Wahlkampfthemen verloren, eine kreative Lösung für die Lösung der Probleme in der Jugendarbeit in Kassel konnte nicht erkannt werden.

Schlussendlich kann man sagen, dass laut den Oppositionsparteien zu wenig für die politische Bildung Jugendlicher getan wird. Sie sagen zwar, dass es ein Jugendparlament gibt, jedoch die politische Bildung an den Schulen fatal sei und die Jugend in eine Richtung getrimmt werde. Die SPD sagt, dass das Jugendparlament schon ein guter Schritt zur Besserung sei, jedoch der Unterricht an den Schulen auch zu wenig biete. Es werden viele Probleme und Defizite aufgezeigt, jedoch verhältnismäßig wenig Lösungen. Es werden zwar ein paar Lösungen genannt, welche jedoch nicht konkret sind.

Aus unserer Sicht gibt es mächtig Nachholbedarf bei der politischen Bildung Jugendlicher und auch die Situationen an den Schulen sollte verbessert werden. Die Jugendlichen von heute sind schließlich die Wähler von morgen und wenn diese keine politische Bildung oder gar interesse daran aufzeigen, wären die Folgen fatal.

Von Paul Grotthaus, Jonathan Knüppel, Maximilian Schäfer und Oskar Scholle (Klasse 9e der Albert-Schweitzer-Schule) für das Projekt "medien@schule"

Rubriklistenbild: © Archivfoto: Ludwig

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