Früher Stasi-Spionin heute Hotelchefin in Nordhessen

Kassel. Ein nordhessisches Hotel hat seit Kurzem eine Direktorin mit pikanter Vergangenheit. Sabine Müller (Name geändert) war Liebling der feinen Gesellschaft im vereinten Deutschland. Was viele nicht wussten: Sie war einst eine Top-Agentin der Stasi.

Mit „frauenspezifischen Methoden“, so zitieren Zeitungen ihre Stasi-Unterlagen, habe sie jahrelang westdeutsche Geschäftsleute ausspioniert.

Nun ist Sabine Müller Hotelchefin in der Region. Der Besitzer kenne ihre Geschichte, sagt sie. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit, bricht Sabine Müller in Tränen aus. Alles sei so lange her, sagt sie gegenüber der HNA. Wenn das wieder hochkomme, werde sie Nordhessen verlassen.

Kontakt mit deutscher und internationaler Prominenz bekam Sabine Müller als Leiterin eines Berliner Luxushotels. Sportgrößen, Geschäftsleute und Politiker gaben sich dort die noble Klinke in die Hand: Eine „enge Freundschaft“, berichtete die Berliner Morgenpost, soll die Hotelchefin etwa mit Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker verbunden haben.

„Materielle Gründe“

Die Prominenz zeigte sich jedenfalls gern mit der attraktiven Frau - wohl ohne zu ahnen, was diese früher so getrieben hatte: Sechs Jahre lang, von 1981 bis 1987, wurde sie nach Presseberichten als Mitarbeiterin beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR geführt. Ihre Kontakte laut Bild-Zeitung: Musiker, Kaufleute, Reeder – vor allem Deutsche und Holländer. Um den Posten hatte sich Sabine Müller „aus materiellen Gründen“ selbst beworben, zitiert Bild die Stasi-Unterlagen. Noch heute ist ihr Fall Gegenstand von Internetseiten der Stasi-Opfer-Organisationen.

Der Job um „Sex, Lüge und Luxus“ (Bild am Sonntag) lohnte sich offenbar: Vom MfS habe sie 10 000 Mark für ein Auto erhalten, und ihre Wohnung sei voller Gegenstände aus dem Westen gewesen, erinnert sich ein früherer Bekannter. Irgendwann muss Sabine Müller genug gehabt haben. 1986 plante sie ihre Flucht aus der DDR, wurde aber erwischt. Doch jemand hielt die schützende Hand über die Agentin: Die Anklage der Spionage wurde fallen gelassen. Für 15 Monate musste sie dennoch ins Gefängnis.

Nach der Wende bastelte sie an einer Legende als DDR-Opfer. Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost erfand sie eine akademische Karriere mit Studium der Betriebswirtschaft an der Freien Universität Berlin. Doch dort kenne niemand eine Diplomarbeit, die sie geschrieben haben will. Sabine Müller machte dennoch Karriere. Zwar ging sie mit einem Autohaus zunächst pleite, wurde aber Chefin von Nobelhotels in Berlin und Hamburg. Nebenbei brachte sie den VW-Skandal ins Rollen, als sie sich als Hoteldirektorin beim Konzern über das unflätige Benehmen eines früheren Managers beschwerte.

Dann wurde es ruhig um Sabine Müller. Sie lebte zuletzt mit ihrem Mann - es soll der sechste gewesen sein - in der Schweiz. Nun ist sie Hotelchefin in Nordhessen.

Von Frank Thonicke

Fotos: Das waren bekannte DDR-Spione

Das waren bekannte Spione der DDR

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