Debatte um Sarrazins Ehefrau: Pädagogen zwischen schwierigen Schülern und sich einmischenden Eltern

Debatte um Sarrazins Ehefrau: Frustierter Lehrer redet Klartext

Kassel. Einerseits gibt es Eltern, die ihre Kinder in die Schule schicken und die Erziehungsverantwortung dort abgeben. Andererseits mischen sich Eltern zunehmend in die Arbeit und Methoden von Pädagogen ein und scheuen sich nicht, juristischen Beistand zu bemühen.

In diesem Spannungsfeld befinden sich Schulen heute. Die Debatte um Thilo Sarrazins Frau Ursula, einer Lehrerin, die für einen strengen Unterrichtsstil plädiert, nahmen wir zum Anlass, uns an Kasseler Schulen umzuhören. Der Tenor unserer nicht repräsentativen Befragung: „Es gibt die Extreme, aber das sind Einzelfälle“, sagt Doris Apel, Leiterin der Königstorschule. „Insgesamt läuft das Miteinander mit den Eltern sehr gut.“

„Die meisten Eltern kümmern sich und sind echte Erziehungspartner“, sagt auch Dr. Hans-Jürgen Ziegler, Leiter des Wilhelmgymnasiums.

„Die haben inzwischen in der dritten Migrantengeneration das Niveau der ersten erreicht.“

Ist das so? Ein Gesamtschulleiter aus Kassel mit viel Berufserfahrung redete gegenüber der HNA Klartext, allerdings anonym: Die „Niedlichkeit“, mit der kleine Machos in der Grundschule auf dem Schulhof andere Schüler schubsten, werde erst auf weiterführenden Schulen zum echten Problem. Da brächten Lehrer die pubertierenden Randalierer kaum mehr zur Raison, sagt der Pädagoge. Grund sei ein wachsender Egoismus und Individualismus mit der Einstellung „Ich bin der Nabel der Welt“. Der Respekt gegenüber Lehrern und anderen nehme deutlich ab.

Ein Problem seien die mit Computerspielen „hoch aufgerüsteten Kinderzimmer“. Die Folgen seien Unkonzentriertheit und Unfähigkeit, Unterrichtsinhalte aufzunehmen. Jungs seien besonders betroffen. Ein Problem für die Schuldisziplin seien auch mangelhafte Sprachkenntnisse ausländischer Kinder. „Die haben inzwischen in der dritten Migrantengeneration das Niveau der ersten erreicht.“

Es sei wichtig, dass Schulen „durchsetzbare“ Regeln aufstellten. Diese einzuhalten, müsse konsequent überwacht werden, „ohne zu überziehen“.

„Unverfrorenheiten“ mancher Eltern gegenüber Lehrern und Schulleitung spitzten sich nach seinen Erfahrungen im Jahrgang 7 zu, wenn die Schulpflicht auslaufe. Während gutbürgerliche Akademiker-Eltern aus dem Westen der Stadt sich nicht scheuten, bei Uneinigkeit über Noten oder Erziehungsmethoden einen Anwalt einzuschalten, komme das bei ausländischen Familien nicht vor.

Da habe der Druck, der gegenüber Pädagogen ausgeübt werde, andere Formen. Drohungen, die Lehrer öfter hörten seien: „Wenn mein Sohn nicht versetzt wird, bring ich mich um“ oder „... dann schicken wir ihn in die Türkei.“ Es komme auch vor, dass körperliche Gewalt angedroht wird.

In einigen Stadtteilen hielten einzelne ausländische Familien „das Heft in der Hand“ und schreckten bei Konfrontationen mit der Schule „nicht vor körperlichen Auseinandersetzungen zurück“. Das könne Lehrer einschüchtern.

Dagegen könne man nur vorgehen, indem man ein „harmonisches Schulklima“ schafft und früh mit der Erziehung zur Gemeinschaft beginnt. Gremien für Eltern, um sich zu beteiligen, gibt es nach Meinung des Pädagogen genug. (chr)

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