Interview

Opfer des Anschlags von Hanau: „Die Sache wird behandelt, als habe es sie nie gegeben“

Armin Kurtovic ist Sprecher der Opferfamilien von Hanau.
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Armin Kurtovic ist Sprecher der Opferfamilien von Hanau.

Die Stadt Kassel hat erstmals die Preise zum Kasseler Demokratie-Impuls in Gedenken an die NSU-Opfer vergeben. Zu Gast war auch ein Vater, der seinen Sohn beim Anschlag von Hanau verloren hat.

Kassel – Der 19. Februar 2020 hat das Leben von Armin Kurtovic erschüttert: Neun Menschen wurden beim rechtsextremen Anschlag von Hanau getötet – darunter sein Sohn Hamza. Armin Kurtovic ist nun der Sprecher der Angehörigen.

Der 47-Jährige war Gast bei der Preisverleihung des Kasseler Demokratie-Impulses am Dienstag in der documenta-Halle in Kassel. Im Interview spricht er über die Schwierigkeiten bei der Aufklärung des Attentats. 

Herr Kurtovic, Sie haben mal gesagt: ,Ich werde nicht ruhen, bis alles aufgeklärt ist.’ Ist es nun eine Lebensaufgabe, die Aufklärung voranzutreiben?
Was heißt Lebensaufgabe? Ich habe es meinem Sohn an seinem Grab versprochen. Und ich will wissen, was genau am 19. Februar 2020 und davor passiert ist. Ich kann niemanden zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber ich kann jemanden dazu zwingen, nicht unverschämt zu lügen. Ich bin dabei kein verzweifelter Vater, der sein Kind verloren hat, sondern ich sehe es als meine Staatsbürgerpflicht an, auf die Missstände hinzuweisen und alles dafür zu tun, damit sie behoben werden.
Wie weit ist denn Ihrer Meinung nach die Aufklärung vorangeschritten?
Es sind noch viele Fragen offen. So warten wir aktuell auf den Abschlussbericht des Generalbundesanwalts. Er hat ja nur gegen Täter, Mittäter und Mitwisser ermittelt, ohne dass es zu einer Anklage gekommen ist. Der Täter ist tot, gegen ihn kann nicht mehr ermittelt werden. Alles andere ist Sache des Landes Hessen. Hier fühlt sich aber niemand verantwortlich. Die Sache wird behandelt, als habe es sie nie gegeben.
Sie haben gesagt, dass Sie noch nie mit Innenminister Peter Beuth gesprochen hätten. Mit wem sind Sie und die Familien der Opfer denn vom Land Hessen überhaupt in Kontakt?
Von den hessischen Behörden sind wir mit niemandem in Kontakt. Ich persönlich bin aber immerhin mit dem Landtagspräsidenten Boris Rhein von der CDU im Gespräch – und mit der SPD-Fraktionsvorsitzenden Nancy Faeser. Für den offenen Austausch bin ich dankbar. Aber sonst mit niemandem. Das heißt: Auch mit niemandem von der Landesregierung. Niemand vom Justizministerium oder vom Innenministerium ist je auf uns zugekommen und hat gefragt, was aus unserer Sicht noch offen ist.
Was müsste denn Ihrer Meinung nach von dieser Seite aus getan werden?
Sie sollten auf uns zugehen, mit uns reden und herausfinden, welche Fragen wir noch haben. Immerhin hat der Untersuchungsausschuss des Landtages nun entschieden, Angehörige der Mordopfer anzuhören. Das ist ein erster Schritt.
Welches ist denn Ihre drängendste Frage?
Wir von den Opferfamilien wollen wissen, wie es soweit kommen konnte. Welche Anzeichen gab es im Vorfeld dieses Attentats und wieso ist solch ein Attentat nicht verhindert worden? Wie kann es sein, dass der Täter nicht gestoppt wurde? Welche Missstände gab es beim Notruf? Wie kann es sein, dass es erst hieß, der Notausgang in der Shisha-Bar, in der der Täter um sich schoss, sei abgeschlossen gewesen, und es jetzt heißt, er habe nur geklemmt? Wer sagt die Wahrheit?
Fühlen Sie sich ernstgenommen von den Behörden?
Was heißt ernstgenommen? Man muss sie zwingen, ihre Arbeit zu machen. Es kann doch nicht sein, dass es in deren Ermessen liegt, was sie machen und was sie nicht machen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sind.
Sie haben gesagt, Sie hätten sich nach dem Attentat gefühlt wie ein Mensch zweiter Klasse. Woran machen Sie das fest?
Da gibt es verschiedene Gründe. Ich bin deutscher Staatsbürger, spreche einwandfrei Deutsch, und trotzdem ist nach dem Attentat erst einmal der Integrationsbeauftragte der Polizei zu mir gekommen. Und ein Dolmetscher war auch dabei. Ich wusste gar nicht, was die eigentlich wollten.
Sie wurden etwa während der Preisverleihung zum Demokratie-Impuls von der Kollegin Amira El Ahl interviewt. Fühlen Sie sich denn insgesamt gehört?
Ja, schon. Jede Möglichkeit, gehört zu werden, tut uns gut. Die meisten Leute wissen einfach nicht, was passiert ist – oder sie vergessen es wieder. Solche Gelegenheiten helfen dabei, dass die Gesellschaft aufwacht. Das ist zwingend notwendig. Die Leute müssen wissen, wie viele Menschen es seit der Wiedervereinigung gibt, die Opfer von Rechtsextremismus wurden. Und sie müssen wissen, dass aus all den Morden nie etwas gelernt worden ist.
Sie haben sich am Rande der Preisverleihung auch mit dem Ehepaar Yozgat ausgetauscht. Die Eltern des vom NSU ermordeten Halit Yozgat haben in der Zeit nach dem Mord ihres Sohnes mit ansehen müssen, wie die Ermittlungen stockten. Gibt es da Parallelen zu Ihren Erfahrungen?
Damals bezeichnete man die Morde des NSU als Dönermorde. Nach den Taten von Hanau war von Shishabar- Morden die Rede. Beides sind herablassende Begriffe. Dann geht es bei uns auch um die Gefährderansprache, die Hinterbliebene bekommen haben, weil die Behörden befürchten, sie würden sich am Vater des Mörders rächen. Dabei ist die Hauptfrage doch: Warum haben wir keine Warnung bekommen, welche Gefahr von dem Vater des Mörders ausgeht?
Der Vater des Mörders wohnt noch in der Nachbarschaft. Wie bedrückend ist das für Sie?
Wenn es Winter wird, und die Blätter fallen von den Bäumen, sehe ich auf das Haus. Das ist furchtbar. Eine andere Opferfamilie wohnt 80 Meter von ihm weg. Ich sehe, dass die Polizei bei ihm patrouilliert, um ihn zu schützen. Aber warum werden wir nicht geschützt?
Ihre Tochter hat gesagt, sie empfinde keinen Hass. Ist das bei Ihnen auch so?
Ich empfinde auch keinen Hass, aber ich empfinde Wut – allgemein. Wie kann es sein, dass das alles hier passiert, und keiner macht was. Was ist hier in Hessen los? Dass der Innenminister seinen Laden nicht im Griff hat, sieht mittlerweile jeder. Aber warum handelt derjenige nicht, der ihn zum Innenminister ernannt hat? Ich verstehe es nicht. Es muss jemand auch die politische Verantwortung für alles übernehmen – zumal immer von der inneren Sicherheit gesprochen wird. Wo war sie denn?
Fühlen Sie sich selbst noch sicher in Hessen?
Es gibt keinen Morgen, an dem ich nicht aufwache und mich frage, was mache ich überhaupt hier? Ich habe einen deutschen Pass, aber ich fühle mich wie ein Stiefkind, das keiner haben möchte.
Macht Ihnen eine solche Veranstaltung wie die Preisverleihung zum Demokratie-Impuls Mut?
Ja, eine solche Veranstaltung zeigt, dass sich ein bisschen was bewegt hat.

Zur Person

Armin Kurtovic ist 47 Jahre alt. Er wurde im unterfränkischen Schweinfurt geboren und wuchs dort auf. Später zog er nach Frankfurt, dann nach Hanau. Armin Kurtovic ist verheiratet und hat vier Kinder. Hamza, einer seiner Söhne, wurde beim Anschlag von Hanau getötet. Mittlerweile ist Armin Kurtovic Sprecher der Opferfamilien.

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