Vorwürfe

Kassel: „Fühlen uns im Stich gelassen“ - Familie beklagt sexuelle Beleidigung, Müll und Fäkalien

In dem Haus Frankfurter Straße 316 leben derzeit 19 Männer, die ansonsten obdachlos wären. Es kommt zu zahlreichen Konflikten mit Nachbarn. Neben dem Haus befindet die alkoholfreie Gaststätte „Aqua Pub“.
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In dem Haus Frankfurter Straße 316 leben derzeit 19 Männer, die ansonsten obdachlos wären. Es kommt zu zahlreichen Konflikten mit Nachbarn. Neben dem Haus befindet die alkoholfreie Gaststätte „Aqua Pub“.

In Kassel-Niederzwehren beschweren sich die Anwohner über Lärm und Müll. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen.

Kassel – Anwohner der Frankfurter Straße im Kassel-Niederzwehren beschweren sich massiv über Lärm und Müll, den Männer in einer Obdachlosenunterkunft verursachen sollen. Zudem fühlen sie sich bedroht. „Ich stehe aufrecht im Bett. Nahezu jede Nacht“, sagt Fritz Wimmer. Der Koch wohnt seit neun Jahren mit seiner Familie in einem Haus an der Frankfurter Straße in Niederzwehren. Bis vor knapp zwei Jahren habe es ihm dort gut gefallen, sagt Wimmer. Doch dann bekam er neue Nachbarn, die ihm und seiner Familie das Leben schwer machen.

Die Nachbarn würden regelmäßig Flaschen und anderen Müll, auch Fäkalien, aus dem Fenster in seinen Garten werfen und auch tagsüber an die Hauswand urinieren. Spritzen lägen herum. Seine 16-jährige Tochter traue sich nicht mehr, in den Garten zu gehen, so Wimmer. Seine Frau sei von den Nachbarn aufs Übelste sexuell beleidigt worden. „Wenn wir uns im Garten aufhalten, dann fliegen Flaschen aus dem Fenster. Ich werte das nicht als Zufall“, sagt der Familienvater.

Kassel: Sozialamt hat Obdachlosenunterkünfte angemietet

Bei den Nachbarn handelt es sich um obdachlose Männer. Das Sozialamt der Stadt Kassel hat seit Oktober 2019 nach und nach 30 Obdachlosenunterkünfte in dem Gebäude der Frankfurter Straße 316 angemietet, teilt Stadtsprecher Michael Schwab mit. In den drei Wohnetagen seien Brandschutzwände eingezogen worden, sodass es pro Etage je eine Art Wohngemeinschaft mit entsprechenden Sanitäranlagen gebe. „Die Zimmer entsprechen ausnahmslos den gesetzlichen Mindestanforderungen von Obdachlosenunterkünften für die vorübergehende Unterbringung von Einpersonenhaushalten.“ Aktuell seien dort 19 Männer untergebracht.

Nicht nur Fritz Wimmer, der berichtet, dass er von einem Bewohner im Januar mit einer Schaufel bedroht worden sei, und seine Familie fühlen sich von den Nachbarn terrorisiert. Eine andere Nachbarin schildert unter Tränen, dass ein Bewohner, zu dem sie zuvor freundlich gewesen sei, plötzlich vor ihrer Tür stand, Geld von ihr leihen wollte und sie aufforderte, mit ihm zu kuscheln. Nachdem sie den Mann abgewiesen habe, habe er sie regelrecht belästigt.

Kassel: Anwohnerin ist nervlich am Ende

Es gebe auch einen Zeugen dafür, dass der Mann in der vergangenen Woche an ihren Autoreifen hantiert habe, sodass diese nachher platt gewesen seien. „Ich bin nervlich am Ende“, sagt die Frau, die mittlerweile Kameras in ihrem Eingangsbereich installiert hat. Sie habe ja Verständnis dafür, dass auch Obdachlose ein Dach über dem Kopf benötigen. „Aber wer schützt uns? Was haben wir für Rechte?“

Fritz Wimmer berichtet, dass er ständig die Polizei wegen der Nachbarn rufen müsse. Er habe sich auch bereits mehrfach bei der Stadt beschwert. Aber nichts passiere. „Wir fühlen uns im Stich gelassen.“ Der Hauseigentümer, der die Immobilie an die Stadt vermietet hat, reagiere gar nicht mehr auf seine Beschwerden, so Wimmer.

Wie schwierig die Situation ist, wird an folgender Zahl deutlich: Seit Oktober 2019 mussten 13 Bewohner wegen Verhaltensauffälligkeiten das Haus bereits wieder verlassen, so der Stadtsprecher. Sie wurden an anderen Standorten untergebracht.

Kassel: „Kommunale Unterbringungsverpflichtung ohne jeglichen Ermessensspielraum“

Laut Schwab betreuen zwei Mitarbeiter der Zentralen Fachstelle Wohnen des Sozialamtes das Objekt und stünden in Kontakt mit dem Hauseigentümer und dessen Mitarbeitern. Sie seien zwei- bis dreimal die Woche vor Ort, in Bedarfsfällen auch öfter. In Konfliktsituationen würden Schlichtungsversuche zwischen den strittigen Parteien unternommen.

Die in dem Haus untergebrachten Personen seien teilweise sicherlich als schwierig einzustufen, so der Stadtsprecher. „Allerdings besteht auch für diesen Personenkreis eine kommunale Unterbringungsverpflichtung ohne jeglichen Ermessensspielraum.“

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Die Nachbarn haben sich in ihrer Not jetzt auch an Niederzwehrens Ortsvorsteher Harald Böttger gewandt. Seiner Ansicht nach sind 30 Wohnplätze in dem Haus zu viel. Er vertritt auch die Ansicht, dass die Stadt und der Eigentümer darauf achten müssen, dass sich die Bewohner an Regeln, wie zum Beispiel Ruhezeiten, halten.

Böttger kann auch nicht nachvollziehen, dass die Unterkunft, in der viele Männer mit Alkohol- und Drogenproblemen leben, ausgerechnet neben der alkoholfreien Gaststätte „Aqua Pub“, einer Einrichtung der Suchtkrankenhilfe, liegt.

Obdachlosenunterkunft in Kassel: Das sagt die Polizei

Die Polizei wird in der Regel mehrmals pro Monat zu dem Mehrfamilienhaus an der Frankfurter Straße gerufen, so Polizeisprecher Matthias Mänz. Die Anlässe waren überwiegend nachbarschaftliche Streitigkeiten, Ruhestörungen und einzelne Körperverletzungsdelikte. Die Problematik und die entstandenen Konflikte rund um das Haus seien beim zuständigen Revier Süd-West bekannt und die „Schutzfrau vor Ort“ eingeschaltet, die sich den Problemen annehme. Zudem stehe sie im Kontakt mit Verantwortlichen und zuständigen Stellen, um für Problemstellungen entsprechend der jeweiligen Zuständigkeit Lösungsansätze zu finden. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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