Erste Führung von Kassel Marketing

Wie blinde Menschen den Weihnachtsmarkt erleben

Ein Weihnachtsmarkt zum Riechen, Schmecken, Fühlen und Hören: Christel Lutz aus Calden erlebt den Weihnachtsmarkt nicht mit den Augen, sondern mit anderen Sinnen. Hier hält ihr Gästeführerin Wilma Schäfer von Kassel Marketing bei der Führung für Blinde eine Teedose hin, damit sie die unterschiedlichen Sorten riechen kann. Foto: Beutner

Kassel. Bunte Lichter, märchenhafte Dekoration, geschmückte Stände: All das gehört zum Kasseler Weihnachtsmarkt dazu. Für blinde Menschen bleiben diese Dinge aber unsichtbar – sie erleben den Zauber mit anderen Sinnen.

Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen, denen sich sehende Menschen oft nicht bewusst sind. Bei der ersten Führung für blinde und sehbehinderte Menschen von Kassel Marketing konnten die Teilnehmer diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen und den Weihnachtsmarkt fühlen, riechen, hören und schmecken.

Für Christel Lutz aus Calden ist die größte Sehhilfe ihr Mann. „Er ist meine Orientierung“, sagt sie. „Wir sind gut eingespielt“, sagt Klaus Lutz. So drücke er etwa die Hand seiner Frau, wenn ein Hindernis auftaucht. Hindernisse sind für blinde Besucher auf dem Weihnachtsmarkt beispielsweise die Schwellen, unter denen Kabel und Leitungen der Stände entlanglaufen. Gästeführerin Wilma Schäfer achtet bei der Führung darauf, vor diesen Hindernissen zu warnen. Für sie ist die Erfahrung, blinde Menschen durch Kassel zu führen, neu. Eine Kollegin geht zur Sicherheit hinter der Gruppe her, damit keiner der fünf blinden und drei begleitenden Teilnehmer verloren geht.

Viel Gedränge

Auch die Menschenmenge stellt ein Problem dar. „Es ist zu viel Gedränge, um mit dem Langstock zu gehen“, sagt Waltraud Stallknecht aus Hofgeismar. Sonst führe sie diesen in einem Bogen vor sich her, beim Weihnachtsmarkt hält sie ihn dicht am Körper. Auch ihr hilft ihr Mann: Georg Stallknecht ersetzt seiner Frau die Augen, beschreibt, was es an den Ständen zu kaufen gibt und wie sie dekoriert sind. Ohne die Führung wäre Waltraud Stallknecht nicht zum Weihnachtsmarkt gefahren, bei dem sie das letzte Mal vor 40 Jahren war. An Bahngleisen und Bushaltestellen gebe es Rillen zur Orientierung, doch woran solle sie sich auf dem Weihnachtsmarkt zurechtfinden?

Orientierung behalten 

Claudia Gerike macht das anhand markanter Punkte. Die Marburgerin kann ein wenig sehen; bei der Führung habe sie aber kurz die Orientierung verloren, weil sie nicht selbst auf den Weg geachtet habe.

Unterwegs zu sein mit Menschen, die nicht sehen können, zeigt, dass ein Weihnachtsmarkt alle Sinne anspricht: Die Teilnehmer probieren Ahle Wurscht, schnuppern sich am Teestand durch alle Sorten oder tasten die Ritterrüstung auf dem Opernplatz ab. Ohne Zweifel ist der Tastsinn für blinde Menschen unverzichtbar: Wie sonst bringt man in Erfahrung, ob im Schälchen noch Bratwurst liegt, wenn man sie nicht sieht?

Die Beschreibung dessen, was zu sehen ist, ist für alle Teilnehmer wichtig, auch für Claudia Gerikes Mann Wilhelm. Er ist von Geburt an blind und fragt etwa bei Dornröschen Katharina Wolf genau nach, wie sie aussieht. „Es ist einfach toll, dass es so ein Angebot für Blinde gibt“, findet Christel Lutz. Den Zauber des Weihnachtsmarktes erleben, ohne ihn zu sehen – das ist den Teilnehmern dank der Führung gelungen. Christel Lutz weiß schon jetzt: „Nächstes Jahr machen wir wieder mit.”

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