Erster Antrag auf politischer Ebene

Für 300 statt 500 Euro: Kasseler Seniorenbeirat will günstiges Stadt-Ticket

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Ein vergünstigtes Jahresticket, das nur im Stadtgebiet gilt: Dies wünscht sich der Kasseler Seniorenbeirat. Im Finanzausschuss zeichnete sich dafür keine Mehrheit ab. Unser Foto zeigt einen KVG-Bus an der Halteestelle Königsplatz vor der Kurfürsten Galerie.

Kassel. Ein Viertel der über 200.000 Bewohner von Kassel ist 60 Jahre und älter. Für diese Personengruppe fordert der Seniorenbeirat jetzt ein neues Ticket für den öffentlichen Nahverkehr.

Es sei der erste Antrag des Gremiums auf politischer Ebene, erklärte Schriftführer Peter Müller am Mittwochabend im Namen des Seniorenbeirats. Die Forderung: Die Stadt soll die KVG auffordern, ein auf Kassel begrenztes Jahresticket herauszugeben. Dieses soll für Senioren zum reduzierten Preis von 300 Euro und als Normalticket für 500 Euro angeboten werden.

Ein Jahresticket für das Stadtgebiet fehle, dadurch werde erhebliches Käuferpotenzial verschenkt, meint der Seniorenbeirat. Man halte einen Kundenzuwachs von 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren für möglich. Bei Senioren und der übrigen Bevölkerung bestehe der Wunsch, die Innenstadt mit dem ÖPNV zu erreichen. Der Besuch des Umlands, wie ihn die NVV-Nordhessenkarte 60 plus ermögliche, stehe nicht im Vordergrund, betonte Müller.

Rot-Grün lehnt ab

Der Antrag sollte unter Vorbehalt der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen beschlossen werden. Im Finanzausschuss fand sich dafür jedoch keine Mehrheit, der Antrag wurde mit den Stimmen von SPD und Grünen abgelehnt. CDU, AfD, Kasseler Linke sowie Freie Wähler und Piraten stimmten dafür. Unterstützt wurde das Anliegen vom Behindertenbeirat.

Die CDU unterstütze den Wunsch des Seniorenbeirats, aber es seien Tarifstruktur und Tarifsystem zu beachten. „Es gibt bislang kein Jahresticket nur für die Stadt“, sagte Christdemokrat Dominique Kalb. Das sei eine bewusste Entscheidung. Die Preise seien Sache des NVV, nicht der KVG. Zudem hätten auch andere Bevölkerungsgruppen den Wunsch nach einem günstigeren oder kostenfreien ÖPNV.

„Wir geben dem Antrag nicht statt, werden aber das Thema in anderer Form aufgreifen und unter dem Aspekt der Bedürftigkeit prüfen“, meinte Hermann Hartig (SPD). Auch die Grünen lehnten ab. Das sei ein „komplexes Thema“, das die gesamte NVV-Tarifstruktur betreffe und zunächst im Sozialausschuss diskutiert werden müsse, meinte Dorothee Kopp. „Nicht jeder Senior ist auch bedürftig.“

"Kostenfrei wäre gerechter"

„Der ÖPNV in Kassel sei sehr gut, aber auch sehr teuer“, sagte Volker Berkhout (Freie Wähler und Piraten). Es gebe bereits Gruppen, etwa die Landesbediensteten, die günstiger oder kostenfrei fahren. Berkhout: „Die gerechteste Lösung wäre die fahrscheinfreie ÖPNV-Nutzung.“

Das vom Seniorenbeirat gewünschte Jahresticket bedeute einen Eingriff in die Tarifstruktur, betonte der NVV. Das Begehren könne zu jährlichen Einnahmeausfällen von bis zu vier Millionen Euro führen.

Das sagt Oberbürgermeister Christian Geselle: "System Gratis-ÖPNV ist nicht umsetzbar"

In der Debatte um ein neues und günstigeres Seniorenticket für das Kasseler Stadtgebiet wurde in der Ausschusssitzung am Mittwochabend auch die derzeit bundesweit diskutierte Forderung nach einem komplett fahrschein- oder kostenfreien öffentlichen Nahverkehr thematisiert. „Ich glaube nicht, dass ein derartiges System umsetzbar ist“, sagte dazu Oberbürgermeister Christian Geselle. 

Der OB sprach von einer „hilflosen Diskussion der Bundesregierung“, die wegen drohender EU-Sanktionen angesichts nicht eingehaltener Schadstoffwerte angeregt worden sei. Die geplante Einführung eines kostenfreien ÖPNV führe in den ausgeguckten Pilotprojekt- oder Modellstädten Essen und Mannheim „zu Stirnrunzeln und Schweißausbrüchen“, meinte Geselle. Man müsse auch mal die Seite der Finanzierung und des Machbaren betrachten, forderte der Kasseler Oberbürgermeister. Nach Berechnungen wären bundesweit rund 14 Milliarden Euro für einen Gratis-ÖPNV in Deutschland nötig.

Das sagt der NVV: "Würde Eingriff in Tarifstruktur bedeuten"

Der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) betrachtet das KasselPlus-Gebiet als einen zusammengehörigen Verkehrsraum. Zeitfahrkarten werden deshalb nur für das gesamte KasselPlus-Gebiet angeboten, betonte am Donnerstag NVV-Sprecher Armin J. Noll auf Anfrage unserer Zeitung. Die Einführung einer Zeitkarte für Senioren, die nur in Kassel gilt, würde deshalb einen Eingriff in die Tarifstruktur des NVV bedeuten. 

Unabhängig davon würde das Begehren des Kasseler Seniorenbeirats nach Berechnungen des Unternehmens zu jährlichen Einnahmeausfällen von bis zu vier Millionen Euro führen können. Tarifmaßnahmen mit derart massiven finanziellen Auswirkungen könnten nur dann eingeführt werden, wenn das finanzielle Risiko von dritter Seite abgedeckt wird. Das wäre in diesem Fall die Stadt Kassel, stellt der NVV-Sprecher zum Wunsch des Beirats klar. 

Für Senioren bietet der NVV die Nordhessenkarte 60plus für 598 Euro (590 Euro im Abo) im Jahr an, dazu die Partnerkarte für 299 Euro. Noll: „Damit kommen Senioren in ganz Nordhessen ohne zeitliche oder räumliche Einschränkung bequem an ihr Ziel. Alle Verkehrsmittel des Öffentlichen Nahverkehrs in Nordhessen stehen ihnen damit offen: Stadt- und Regionalbuslinien, Tram und RegioTram genauso wie die Regionalzüge der Bahn, Cantus und EIB, berichtete Noll.

NVV bietet Diakonie-Ticket

Der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) bietet ein „Diakonie-Ticket“ an, das sich an Empfänger von Arbeitslosengeld (ALG II), Sozialgeld, Wohngeld, Leistungen zur Grundsicherung oder nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz richtet. Preisbeispiel: Für den Bereich Kassel-Plus (Stadt und Umland) kostet das Diakonie-Ticket 61 Euro. Es ist personengebunden und gilt einen Monat und einen Tag. Bis zu drei Kinder unter sechs Jahren fahren kostenlos mit. Informationen zu weiteren Tarifen und Preisen auf www.nvv.de.

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