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Andreas Fischer-Lescano ist erster Spitzenprofessor an der Uni Kassel - und findet Kassel spitzenmäßig

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Von: Katja Rudolph

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Er baut das Nachhaltigkeitszentrum mit auf: Andreas Fischer-Lescano - hier im Campus Center der Uni - hat eine der vier Kernprofessuren für das neue „Kassel Institute for Sustainability“ übernommen.
Er baut das Nachhaltigkeitszentrum mit auf: Andreas Fischer-Lescano - hier im Campus Center der Uni - hat eine der vier Kernprofessuren für das neue „Kassel Institute for Sustainability“ übernommen. © ANDREAS FISCHER

Mit Andreas Fischer-Lescano hat die Universität Kassel erstmals eine Spitzenprofessur aus dem Exzellenzprogramm „Loewe“ des Landes Hessen erhalten. Im Oktober hat der Rechtswissenschaftler seine neue Aufgabe in Kassel angetreten. Uns hat er verraten, warum er Kassel spitze findet.

Kassel – Der Spitzenprofessor trägt gerne Trainingsjacke und Sneaker, auch an der Uni. Den 50-Jährigen im hippen schwarzen Outfit umgibt keinerlei akademischer Dünkel. Andreas Fischer-Lescano ist ein Freund flacher Hierarchien, auch mit Studierenden arbeitet er gern in Gruppen und möglichst selten im Frontal-Erklär-Unterricht. Zur Loewe-Professur stellt er kurz klar, dass er sich sehr geehrt fühle und über die damit verbundene zusätzliche Mitarbeiterstelle freue – um dann sein Handy zu zücken und amüsiert vorzuführen, dass er im Internet jetzt Werbung für Fernseher des Herstellers Loewe ausgespielt bekommt. Für die Algorithmen sei er jetzt „ein Loewenmensch“, wie er selbst scherzt.

Wenn der international renommierte und auch über Fachkreise hinaus bekannte Professor hört, er sei ein guter Fang für die Uni Kassel, entgegnet er: „Kassel ist für mich auch ein richtig guter Fang.“ Mehr als zwölf Jahre hat er an der Uni Bremen gearbeitet. Nach Nordhessen gelockt hat ihn vor allem das Nachhaltigkeitszentrum „Kassel Institute for Sustainability“, in dem zu Themen entlang der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen geforscht werden soll. Fischer-Lescano ist das erste Mitglied in dessen vierköpfigem Direktorium. „Elektrisierend“ sei es, dieses neuartige Forschungsinstitut mit aufzubauen, sagt der Rechtswissenschaftler. Er schwärmt davon, dass die Kasseler Hochschule schon in den 1970er-Jahren unter Präsident Ernst Ulrich von Weizsäcker Nachhaltigkeit auf die Agenda setzte, als der Begriff noch gar nicht in Gebrauch war. Heute wird an 120 Fachgebieten von Agrarwissenschaften über Energietechnik bis Politik und Bildung zu verschiedenen Fragen der Nachhaltigkeit geforscht. „Hier hat man die Zeichen der Zeit erkannt“, sagt Fischer-Lescano und schiebt hinterher: „Kassel rocks“.

Ihn reizt vor allem das interdisziplinäre Arbeiten an den Fragen der sozial-ökologischen Transformation im Kassel Institute. Die rechtlichen Wege, um diesen Wandel gerecht zu gestalten, wird er mit seinem Team im Fachgebiet „Just Transitions“ untersuchen. Das Recht sei das Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, sagt der Professor, der in Bremen Juristen für das Staatsexamen ausgebildet hat.

Mit nach Kassel bringt er ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt über die Natur als Rechtsperson. Wenn man die Natur schützen wolle, müsse man auch ihre Rechte anders fassen. „Wir müssen weg vom anthropozentrischen Denken, das uns an den Abgrund geführt hat, vor dem wir stehen“, sagt Wissenschaftler, der Vater von drei Kindern ist.

Ein Weg sei, Flüsse oder Landschaften als Rechtssubjekt zu erklären, wie etwa in Neuseeland oder Ecuador schon geschehen. Dann könnten der Natur zugefügte Schäden auch anders geahndet werden. Es stelle sich aber auch die Frage, ob unsere auf dem subjektiven Recht des Einzelnen basierende Rechtsordnung hin zu einem kollektiven Recht erweitert werden müsse, sagt der Jurist.

Wichtig ist Fischer-Lescano auch das von ihm mit initiierte Projekt „Recht gegen Rechts“. Unter diesem Titel erscheint seit 2020 ein jährlicher Report über Entwicklungen in der Justiz, die Rechtsextremismus Vorschub leisten. Im jüngsten Bericht finden sich auch Beiträge zum Prozess um den Mord an Walter Lübcke und zum Fall des früheren Kasseler Biologieprofessors Ulrich Kutschera und seinen homophoben Thesen.

Das Projekt wolle er in Kassel fortsetzen, auch in der Lehre, sagt Fischer-Lescano. Er ist angetan, dass er hier bereits eine Ringvorlesung gegen Rechts gibt. Überhaupt erlebe er hier für seine Anliegen „viel Rückenwind statt Gegenwind“. Ihm schwebt zudem der Aufbau einer „Law Clinic“ vor, in der Studierende an echten Rechtsfällen mitarbeiten können.

In Bremen war der Professor vor allem beim akademischen Nachwuchs sehr beliebt: Studierende hatten sogar eine Petition zu seinem Verbleib in der Hansestadt gestartet. Und für seine Promotionsbetreuung war er mit einem Preis ausgezeichnet worden. Darauf sei er stolz, sagt Andreas Fischer-Lescano: „Mein einziger Preis seit den Bundesjugendspielen.“

Apropos Sport: Seine jüngste Spitzenleistung war der bewältigte Berlin-Marathon. Jeden Tag joggt Fischer-Lescano zehn Kilometer – in Kassel vorzugsweise an der Fulda. Vorerst hat er hier nur ein kleines Apartment in Uni-Nähe in der Nordstadt.

Mit seiner Frau Dr. Isabell Hensel, die kürzlich ebenfalls einen Ruf nach Kassel ans Institut für Wirtschaftsrecht erhalten hat, gibt er sich beim Pendeln zwischen Berlin und Kassel derzeit meist die Klinke in die Hand. Die Wochenenden verbringt die Familie gemeinsam in der Wohnung in Neukölln.

Einen Kritikpunkt hätte Andreas Fischer-Lescano dann doch an Kassel: „Das Radwegenetz empfinde ich als Katastrophe“, sagt der 50-Jährige, der in Berlin fast alles mit dem Lastenrad erledigt. Ein zügiger Umbau der autogerechten Stadt zu einer, in der ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt sind – auch das sei ein Gebot der Nachhaltigkeit, für die sich das Kassel Institute künftig einsetzt.

Kassel Institute

Wie groß das bundesweite Interesse an dem neuen Kasseler Nachhaltigkeitszentrum ist, zeigt sich auch am Mailpostfach von Andreas Fischer-Lescano. Seit seiner Berufung auf eine der vier Kernprofessuren des Kassel Institute bekommt er zahlreiche Anfragen für Vorträge bundesweit. Die meisten lehnt er bislang ab. Er wolle nicht „der Nachhaltigkeits-Grüßonkel der Republik“ werden.

Derzeit arbeite man daran, das Forschungsprogramm des Kassel Institute aufzubauen, sagt Fischer-Lescano. Dafür gelte es zunächst, einen tragfähigen Nachhaltigkeitsbegriff zu entwickeln – jenseits der Beliebigkeit, mit der das Wort inzwischen gebraucht werde, etwa in der Werbung. Für Fischer-Lescano soll die Kasseler Nachhaltigkeitsforschung kritisch gegenüber den Kapitalismus und post-kolonialen Kontinuitäten sein. „Der globale Norden kann auch vom globalen Süden lernen“, betont Fischer-Lescano. Auch das herrschende menschenzentrierte Weltbild gelte es infrage zu stellen.

Auch zwei weitere Kernprofessuren des neuen Forschungsinstituts sind inzwischen besetzt: Dr. Andreas Braun hat die Professur „Human Environment Interactions“ (Mensch-Umwelt-Interaktion) am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften übernommen. Im März wird Dr. Andra-Ioana Horcea-Milcu ihre Professur „Cultures of sustainabilitiy“ antreten. Die Verhandlungen für die vierte technische Kernprofessur laufen noch. Sobald sie besetzt ist, ist auch das designierte Direktorium des Kassel Institute komplett.

Analog zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen sollen insgesamt 17 Professuren dem Institut zugeordnet sein – jenseits der vier Kernprofessuren also zwölf weitere. Davon sind nach Angaben der Hochschule bereits drei Professuren besetzt. Wenn das genaue Forschungsprogramm feststehen, sollen passgenau darauf ausgerichtet die weiteren Professuren ausgeschrieben werden.

Die Affäre Guttenberg

Es war die erste große Plagiatsaffäre in Deutschland: 2011 musste der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seinen Posten und seinen Doktortitel abgeben, weil er in seiner Dissertation abgeschrieben hatte. Aufgedeckt hatte die Plagiate Andreas Fischer-Lescano.

Er habe die Arbeit über die Verfassungsentwicklung in der EU und den USA damals aus wissenschaftlichem Interesse gelesen, mit dem Ziel, Guttenberg inhaltlich zu kritisieren, sagt Fischer-Lescano. Dann sei er über die offensichtlichen Plagiate gestolpert. „Da hatte ich dann schon das Gefühl, die Luft wird dünn für ihn“, sagt der Professor, der sich selbst als „politisch schwer zu greifen“ beschreibt, aber mit dem Attribut „nicht konservativ“ sehr einverstanden ist.

Bis heute wird die Causa Guttenberg mit dem Namen Fischer-Lescano verbunden. „Ich bin kein Plagiatsjäger“, betont er. Nochmal wolle er nicht mit einen prominenten Plagiatsfall zu tun haben. „Ich habe damals unterschätzt, was an Schmutz und Hass auf mich einprasseln würde.“ Auch als regelmäßiger Zugfahrer bevorzugt Fischer-Lescano es, in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben. (Katja Rudolph)

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