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Mijatovic über WM in Katar und die Folgen: „Für mich eine Katastrophe“

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Von: Florian Hagemann

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Hier wird am 20. November das Eröffnungsspiel stattfinden: das Al-Bayt-Stadion in Katar.
Hier wird am 20. November das Eröffnungsspiel stattfinden: das Al-Bayt-Stadion in Katar. © Christian Charisius/dpa

Der Kasseler Bundestagsabgeordnete Boris Mijatovic (Grüne) besuchte in der vergangenen Woche das WM-Gastgeberland Katar. Er spricht über die Lage vor Ort und die Konsequenzen, die er zieht.

Kassel – Wie umgehen mit der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft? Die einen wollen das Turnier in Katar boykottieren, die anderen freuen sich auf die Spiele. Der Kasseler Bundestagsabgeordnete Boris Mijatovic (Grüne) war in der vergangenen Woche im WM-Gastgeberland und hat sich ein Bild vor Ort gemacht. Der 48-Jährige spricht im Interview über eine schwere Entscheidung und die Lage in Katar.

Herr Mijatovic, in 14 Tagen wird die Weltmeisterschaft in Katar schon begonnen haben. Sie sind großer Fußballfan. Werden Sie die Spiele dann verfolgen?

Nein, ich habe mich tatsächlich entschlossen, mir diese WM nicht anzuschauen, was mehrere Gründe hat.

Nämlich?

Einer der wesentlichen Gründe ist, dass die Fifa, also der Welt-Fußballverband, den Fußball zugrunde richtet – so, wie sie solche Turniere ausrichtet. Gigantisch, überheblich, rücksichtslos. Blicken wir auf 2026, da sollen dann schon 48 Mannschaften teilnehmen. Das ist Wahnsinn, und das in Mexiko, in einem Land mit ebenfalls großen Problemen bei den Menschenrechten. Und natürlich muss man auch auf die Entscheidung blicken, die dazu geführt hat, dass nun in Katar eine WM stattfindet. Es ist insgesamt wenig erbaulich, wie sich die Fifa darstellt.

Vor ein paar Wochen klang das bei Ihnen noch etwas anders. Hat Ihre Reise nach Katar Ihre Entscheidung beeinflusst?

Ich bin nach Katar gefahren, um unsere kritische Position mit den katarischen Vertretern zu besprechen. Ich bin in meinem Entschluss dadurch weder bestärkt noch gemindert worden. Letztlich dreht sich ja alles um die Frage, ob man als Zuschauer diese WM boykottiert oder nicht. Bei unserer Reise ging es aber darum, die Zwischentöne deutlich zu machen. Ja, es hat Verbesserungen gegeben in Katar. Aber bloß weil viele Bauarbeiter dort nicht mehr zu zehnt im Zimmer liegen, sondern nur noch zu viert, heißt das nicht, dass jetzt alles gut ist. Mein persönlicher Entschluss hat aber eben mehr damit zu tun, dass den Menschen, die die Stadien gebaut haben, kein Respekt entgegengebracht wird. Das ist schmerzlich.

Kein Respekt entgegengebracht wird von der Fifa oder von den Vertretern Katars?

Von beiden. Wenn die Würdenträger mal die Baustellen aus reinem Interesse heraus und dem Respekt gegenüber den Arbeitern besichtigt hätten und sich für die Probleme interessieren würden, dann würde ich vielleicht anders denken. Aber so ist es sehr schwierig, ein Argument zu finden, diese WM zu verfolgen. Zumal ich es unglaublich finde, wie Fifa-Präsident Gianni Infantino die Zahl der toten Arbeiter darstellt.

Inwiefern?

Es wird eigentlich von keinem bestritten, wie viele Tote es auf den WM-Baustellen gegeben hat.

Von insgesamt 6500 Toten ist die Rede.

6500 ist die Zahl der englischen Zeitung Guardian, die insgesamt die Zahl der toten Gastarbeiter aus fünf Hauptherkunftsländern umfasst – also alle Arbeitsbereiche. Bei den WM-Stadien selbst sind es 40 tote Gastarbeiter, und das bestreitet Herr Infantino nicht. Er sagt aber, davon seien nur drei am Arbeitsplatz verstorben. Dabei sind sich fast alle einig, dass die Sterbefälle auch arbeitsbezogen sind, wenn die Arbeiter nach einem harten Tag mit Temperaturen um die 50 Grad abends in ihrem Bett an einem Herzinfarkt sterben. Für Herrn Infantino zählt das aber nicht. Er ignoriert damit die Verantwortung, die auch er hat. Ich aber möchte nicht auf einer blutigen Tribüne sitzen, bloß weil Herr Infantino mir das schönredet.

Nun waren Sie in Katar und gehörten zu der von Innenministerin Nancy Faeser angeführten Delegation. Jetzt stellt sich die Frage, was dieser Trip überhaupt gebracht hat. War es nicht reichlich naiv, dort hinzufahren im Glauben, dort noch etwas zu auszurichten?

Es ging nicht darum, ob man jetzt, ein paar Wochen vor dem Turnier, noch schnell etwas verändert. Es ging darum, die Aufmerksamkeit für die Zeit nach dem Turnier zu schärfen und Maßstäbe zu setzen, worauf künftig geachtet werden muss bei der Vergabe von Großveranstaltungen. Schließlich haben wir ein dunkles Jahrzehnt erlebt im Sport: mit Olympia in Sotschi und zweimal Peking, mit einer Fußball-WM in Russland, das die Krim besetzt hat. Wir haben autoritäre Systeme mit Großveranstaltungen betraut, wobei wir Sport alle toll finden und der Wettbewerb für Fairplay und Respekt steht. Die Gastgeberländer haben aber gerade diesen Respekt nicht vorgelebt. Jetzt geht es darum zu zeigen, dass wir genau hinsehen, im Austausch mit Katar stehen und auf die noch notwendigen Schritte hinweisen. Und jeder muss dann selbst eine Entscheidung treffen, wie er mit der Situation umgeht.

Nancy Faeser wird beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft vor Ort sein.

Auch das ist ein Zeichen – ein Zeichen, dass man den Kataris schon gönnt, eine solche Party zu feiern. Nancy Faeser tritt dem Emir da entgegen, der gemeint hat, wir würden Katar diese WM nicht gönnen. Aber genau das ist nicht der Punkt.

Sondern?

Es braucht auch eine Aufmerksamkeit weit über das Endspiel hinaus. Unser Anliegen muss es sein, dass sich die Arbeitsbedingungen vor Ort dauerhaft verbessern. Es braucht einen Mindestlohn, der auch eingehalten wird, es braucht eine unabhängige Ombudsstelle, an die sich Arbeiter wenden können, damit sie nicht in ständiger Angst leben müssen, ausgewiesen zu werden und ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Und vieles mehr.

Die entsprechenden Gesetze in Katar sind aber doch schon geändert worden, nur mangelt es an der Umsetzung.

Jedes Gesetz ist nur so stark, wie die Kontrolle funktioniert. Uns ist geschildert worden, wie die Situation derzeit ist: Aktuell gilt eine Sechs-Tage-Woche mit acht Stunden pro Tag. Praktisch arbeiten viele aber sieben Tage mit meist vier Überstunden. Dann kommt die Fahrt zum Arbeitsplatz dazu. Die Arbeiter stehen um halb vier auf, stellen sich eine Stunde an die Bushaltestelle, warten, bis der Bus kommt, fahren eine halbe Stunde mit dem Bus zur Baustelle, fangen um sechs Uhr an zu arbeiten, fahren abends wieder zurück und gehen ins Bett. Die Menschen dort arbeiten und schlafen nur – und sie machen das, um ihre Familie in Nepal durchzubringen.

Fühlen Sie sich denn als jemand, der nun vor Ort war, überhaupt gehört von der katarischen Seite?

Durchaus. Es ist ja auch nicht so, dass sich nichts verändert hat. Der Knackpunkt ist: Katar will unbedingt auf internationaler Bühne anerkannt werden, und es wird ja auch anerkannt. Ohne Katar wäre zum Beispiel die Evakuierung der Menschen aus Afghanistan nicht möglich gewesen. Es gibt auch das Engagement, in Afghanistan Mädchenschulen aufzubauen. Die Kataris bemühen sich. Aber gleichzeitig haben sie den Druck, etwa Stadien fertigzustellen. Und sie haben Unternehmer, die sich nicht an Gesetze halten. Es sind einfach zwei Welten, die dort eine Rolle spielen. Ich glaube, im Austausch mit Katar ist noch jede Menge Luft nach oben, und man sollte ihn fortsetzen nach der WM.

Katar ist das eine, die Fifa das andere. Glauben Sie, dass auch beim Fußball-Weltverband eine gewisse Kritik ankommt?

Nein.

Heißt: Auf Dauer werden Sie keine WM verfolgen?

Ja.

Wirklich?

Mal unter uns: Für mich ist das eine Katastrophe. Natürlich würde ich die Spiele gern sehen, zumal der Reiz ja auch darin besteht, dass bei solchen Turnieren Kulturen zusammenkommen. Aber ich kann mich doch da nicht jubelnd vor den Fernseher setzen, wenn ich beruflich mit Menschenrechten zu tun habe und weiß, welche Bedingungen vorherrschen.

Was machen Sie jetzt im November und Dezember?

Der KSV Hessen spielt durch.

Und unter der Woche?

Arbeiten. (Florian Hagemann)

Zu Besuch in Katar: Boris Mijatovic.
Zu Besuch in Katar: Boris Mijatovic. © Privat

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