Saisonstart auch für die Polizei

Saisonstart auch für die Polizei: Planung soll Fan-Krawalle von vornherein verhindern

Fans auf Bahnhof trennen: Mit dem Start der Fußball-Saison ist die Bundespolizei wieder verstärkt im Einsatz, damit reisende Fans nicht aneinandergeraten. Unser Archivbild zeigt einen Einsatz am Hauptbahnhof, als Anhänger von Eintracht Frankfurt auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Hannover 96 waren. Foto: Fischer

Kassel. Als die Fußball-Weltmeisterschaft noch in vollem Gange war, hatte Wolfgang Denk schon die nächste Bundesliga-Saison im Kopf. Als fachkundiger Beamter in Sachen Fußball bei der Bundespolizeiinspektion Kassel hat er Ohren und Augen vorwiegend bei den Kasseler Anhängern.

Früh versucht er aber auch, Reisewege anderer Fans zu analysieren, die über Kassel führen. Dabei tauscht er sich mit anderen Polizei-Dienststellen aus. Auf Basis seiner Einschätzungen werden dann Einsätze geplant.

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Dass Denk sich so früh mit Reisewegen beschäftigt, liegt zum einen daran, dass unterhalb der Bundesliga schon seit einigen Wochen gekickt wird. Andererseits müssen Einsätze weit im Voraus geplant werden, um Konflikte gar nicht entstehen zu lassen. So lassen sich zunächst brisante Spieltage wie am 13. September entschärfen, wenn Fans von fünf Vereinen über Kassel reisen.

Hintergrund: Bis zu 150 Problem-Fans im Umfeld des KSV – aber nicht auffällig

„Fußballfans sind keine Straftäter“, betont Rainer Paul, stellvertretender Leiter der Bundespolizeiinspektion Kassel. Deswegen gehöre es zur Strategie, nicht ganze Fan-Gruppen zu kriminalisieren und zu bestrafen, sondern Gewalttäter gezielt herauszupicken. Vor Antritt einer Zugreise ermahnen fachkundige Beamte wie Wolfgang Denk solche „Fans“, die schon einmal in Erscheinung getreten sind, und warnen sie im Wiederholungsfall vor Konsequenzen, „die wehtun“, sagt Paul. „Wer bei einer Straftat erwischt wird, fährt nicht zum Spiel – trotz Fahrkarte.“ Ferner drohen Stadionverbote oder ein Beförderungsausschluss von Bahnfahrten.

Die Zahl „problematischer Fans“ in Kassel schätzt die Bundespolizei auf 100 bis 150, die sich im Umfeld des KSV Hessen bewegen. Allerdings gehe von diesen derzeit keine große Gefahr aus. „Die Kasseler haben sich gut benommen“, loben Paul und Denk, der sich in der Szene als Bundespolizist offen zu erkennen gibt und nicht wie ein verdeckter Ermittler auftritt.

Bewährt habe sich das alljährliche Halbzeitgespräch nach der ersten Saisonhälfte, an dem nicht nur Polizei und Bundespolizei, sondern auch Vereins- und Fanvertreter teilnehmen. Ein Erfolg dieser Gespräche sei, dass Kasseler Fans von sich aus Feuerwerkskörper auf Bahnreisen zum Tabu erklärt haben, sagt Paul.

„Entscheidend sind die Umsteigezeiten“, sagt Rainer Paul, stellvertretender Leiter der Bundespolizeiinspektion Kassel. Diese versuche man möglichst kurz zu halten – Fangruppen „sollen sich gar nicht erst sehen“. Falls nötig werden Züge verlegt, die Einfahrt in Bahnhöfe verzögert oder Spiele neu terminiert.

Trotz frühzeitiger Planung „sind Fan-Ströme oft nicht vorhersehbar“, sagt Paul. Ein Grund ist, dass Problem-Fans, die zu Gewalt neigen, sich zunehmend abschotten. Informationen ließen sich nicht mehr so leicht ermitteln. Zwar gebe es überall szenekundige Beamte, die mitreisen, berichtet Wolfgang Jungnitsch, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen. „Aber einiges ist nicht steuerbar.“

Während Zug-Reisewege gut voraussehbar sind, könne es auf der Straße zu „eher zufälligen Begegnungen“ rivalisierender Gruppen kommen. Um Gewalt vorzubeugen, haben Behörden, Verkehrsunternehmen und Vereine ein enges Netzwerk, in dem Informationen ausgetauscht werden. Die letzte „zufällige Begegnung“ mit gewalttätigem Ende gab es in Kassel im Oktober 2012. Damals wurden Offenbacher Fans am Bahnhof Wilhelmshöhe von Kasselern abgepasst. „Ganz kann man so etwas nicht verhindern“, sagt Denk.

Weil Spiele von Freitag bis Montag stattfinden, reisen Fans zu unterschiedlichen Zeiten, was die Lage entschärfe. Zwar komme es so zu weniger Konflikten, aber auch, weil Beamte das ganze Wochenende im Einsatz sind, sagt Paul.

Das gehe auf Kosten der Beschäftigten, kritisiert Reinhold Schuch, Vorsitzender der Bundespolizei-Kreisgruppe Kassel der Gewerkschaft der Polizei. So beginne der Ruhestand für Bundespolizisten seit Kurzem mit 62 statt vorher mit 60 Jahren. Und auch bei der Bundespolizei liege das Augenmerk auf erster und zweiter Liga, wo häufiger Bereitschaftspolizei im Einsatz sei. Wegen Personalmangel würden Spiele unterer Klassen dagegen vernachlässigt, so Schuch. Ausbaden müssten das dort eingesetzte Beamte.

Priorität habe, dass der reguläre Bahnverkehr trotz größerer Fangruppen auf Reisen nicht beeinträchtigt wird, sagt Paul. „Reisende brauchen Bahnhöfe nicht zu meiden.“ Wegen lautstarker Gesänge müsse man jedoch mit Belästigungen rechnen.

Von Claas Michaelis

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