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Fußball-WM nicht in allen Kasseler Kneipen: Einige Wirte boykottieren Turnier in Katar

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Nicht alle Wirte in Kassel wollen die Fußball-WM in Katar zeigen und boykottieren das Turnier. Katar steht wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik.

Kassel – Dass in zweieinhalb Wochen die Fußball-WM in Katar beginnt, davon ist in Kassel so gut wie nichts zu spüren, die Euphorie fehlt. Früher konnte man in fast allen Kneipen auf Kassels Partymeile die Spiele verfolgen. Das ist dieses Mal anders.

Da Katar ein autoritärer Staat ist, in dem Menschenrechte wenig gelten, werden einige Kneipen auf der Partymeile die Spiele nicht zeigen. So zum Beispiel das Hot Legs und die Bar Bohemia. „Früher war bei uns bei einer WM immer die Hölle los“, sagt Nasrat Ansari, Chef des Bohemia. Diese WM lasse er aber ausfallen, so der Gastronom.

WM in Katar: In Kassel läuft die Weltmeisterschaft nicht überall

Er wolle damit ein Zeichen gegen Sklaverei, Diskriminierung, Korruption und Energieverschwendung setzen und für Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Frauenrechte eintreten. Auch wenn die deutsche Mannschaft recht weit oder gar ins Finale komme, werde er da keine Ausnahme machen, sagt Ansari. „Ich hoffe, die Leute gucken sich die WM auch nicht zu Hause an.“

Voller Königsplatz im Jahr 2010: Die Fans verfolgten am 13. Juni bei der WM in Südafrika die Partie Deutschland gegen Australien, die das deutsche Team mit 4:0 gewonnen hat.
Voller Königsplatz im Jahr 2010: Die Fans verfolgten am 13. Juni bei der WM in Südafrika die Partie Deutschland gegen Australien, die das deutsche Team mit 4:0 gewonnen hat. © Andreas Fischer

Auch Ali Timtik, Ortsvorsteher in der Nordstadt und Gastronom, wird in seiner Kneipe „Bei Ali“ die WM boykottieren. Das sei für ihn von Anfang an klar gewesen, nachdem er erfahren habe, dass die WM in Katar stattfindet. Brendan Kennedy, Chef des Irish Pub „The Shamrock“, ist auch nicht damit einverstanden, dass die WM nach Katar vergeben worden ist. Nachdem er mit vielen Stammkunden gesprochen habe, werde er dennoch die Spiele in seiner Kneipe zeigen. „Die Fans wollen das.“

Kein WM-Hype: Im „Düsseldorfer Hof“ in Kassel fehlt die Begeisterung

Bei Kostas Vick im „Düsseldorfer Hof“ werden die Begegnungen auch wie immer übertragen. Allerdings fehle die Begeisterung. Das liege nicht nur an Katar, sondern auch an der Jahreszeit, zu der die WM nicht passe, so Vick.

„Viele Kollegen werden die Spiele in ihren Läden nicht zeigen“, sagt Lukas Frankfurth, Vorsitzender des Gaststättenverbands Dehoga für Stadt und Kreis Kassel. Diese Rückmeldungen habe er bekommen. Sein Verband habe aber keine Empfehlung abgegeben. „Das muss jeder für sich entscheiden.“

Die WM sei allerdings auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, viele Gastronomen seien darauf angewiesen. Frankfurth weist auch daraufhin, dass die WM vor vier Jahren in Russland eine „wirtschaftliche Katastrophe“ gewesen sei – wegen des schlechten Abschneidens der Deutschen. Heutzutage würden wahrscheinlich viele die WM in Russland genauso kritisch sehen wie die in Katar, so Frankfurth.

Public Viewing in Kassel: So etwas wird es bei der Katar-WM wohl nicht geben

Bei vergangenen Welt- und Europameisterschaften wurden in Kassel die Fußballspiele auf einer großen Leinwand gezeigt. 2010 organisierte zum Beispiel der Lebensmittelkonzern Rewe ein „Public Viewing“ auf dem Königsplatz. Tausende Fans fieberten mit dem deutschen Team bei der WM in Südafrika. Solche Szenen wird es bei der WM in Katar nicht geben. „Der Stadt liegen für die Weltmeisterschaft keine Veranstalter-Anfragen zu Public Viewing vor“, so ein Stadtsprecher.

Auch wenn einige Kneipen, wie zum Beispiel der „Ulenspiegel“ und „Zum Rauchfang“, angekündigt haben, die WM zu boykottieren, so gibt es noch Wirte, die die Spiele zeigen.

„Katar ist blöd, das braucht keiner“, sagt Carsten Bischoff, Chef von „Joe´s Garage“. Dennoch werde man die Spiele, soweit das möglich ist, in der Kneipe an der Friedrich-Ebert-Straße zeigen. Es sei doch egal, ob die Fußballfans alleine zu Hause oder gemeinsam in der Kneipe gucken. Bischoff hätte es besser gefunden, wenn es vonseiten des Deutschen Fußball-Bunds, der Politik oder gestandenen Nationalspielern frühzeitig einen Boykott gegen Katar gegeben hätte.

Friedrich-Ebert-Straße: Weihnachtsbeleuchtung statt Flaggen in Kassel

„Was will der Ottonormalverbraucher gegen Menschenrechtsverletzungen in Katar machen?“ fragt auch Matthias Schelzig, Chef des „Uhrtürmchens“ in Harleshausen. Da hätte man von anderer Seite agieren müssen. Ein Boykott bestrafe auch den „kleinen Fußballfan“. Er überträgt in seiner Kneipe die Spiele. Tonlos im Gastraum, mit Ton im Nebenraum.

In den vergangenen Jahren war es zur schönen Tradition der Aktionsgemeinschaft Friedrich-Ebert-Straße geworden, anlässlich einer Fußball-Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft die Straße mit den Flaggen der teilnehmenden Nationen zu schmücken. Bei der WM in Katar passiert das nicht. Aber nicht, um ein politisches Statement abzugeben, sondern weil am 21. November dort die Weihnachtsbeleuchtung befestigt wird, so Klaus Parzefall von der Aktionsgemeinschaft. (Ulrike Pflüger-Scherb)

Auch ein Fußball-Experte aus Kassel hat sich bereits kritisch zur WM 2022 in Katar geäußert: „Der Fußballzauber ist mir schon lange abhandengekommen.“

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