Frauen sind die Leidtragenden

Hebammen fehlen in Kassel: Gabriele Kopp fordert bessere Ausbildungen

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Aus den Daten des Wehenschreibers können Hebammen sehen, wie es dem Ungeborenen geht. 

Seit Jahren macht sich ein wachsendes Hebammensterben breit. Immer weniger wollen den Beruf erlernen. Leidtragende sind in erster Linie Frauen, die Kinder bekommen. Sie haben inzwischen große Not, überhaupt eine Hebamme zu finden.

Hebammenmangel, die Unterversorgung von schwangeren Frauen und Familien und die Schließung geburtshilflicher Einrichtungen sind Themen, zu denen wir die Kasseler Vorsitzende des hessischen Hebammenverbands, Gabriele Kopp, befragt haben.

Vor zwei Jahren titelte die HNA: In Nordhessen herrscht Hebammenmangel“. Hat sich daran etwas geändert?

Gabriele Kopp: Es hat sich definitiv nichts positiv verändert. Die Situation spitzt sich sogar dramatisch zu. Besonders in den Kreißsälen werden die Frauen nicht mehr so betreut, wie wir uns das wünschen.

Woran liegt das?

Kopp: Wir haben zu wenig Hebammen. Immer weniger Frauen beginnen eine Ausbildung, die Arbeit einer Hebamme wird aufwendiger, zum Beispiel benötigen die Dokumentationen viel Zeit.

Dann wird in den Kliniken Personal abgebaut. In den vergangenen 20 Jahren wurden in ganz Hessen circa 30 geburtshilfliche Abteilungen geschlossen, dazu zählen auch Geburtshäuser, rund um Kassel, etwa in Wolfhagen und Witzenhausen. Für Frauen wird es immer schwieriger, eine Hebamme zu finden. Manchmal müssen schwangere Frauen bei 50, 60 Kolleginnen anfragen, bis sie eine Hebamme finden, die Zeit hat.

Immer mehr Hebammen geben auf. Sie wollen nicht mehr in ihrem erlernten Beruf in der Geburtshilfe arbeiten und schulen um. Warum?

Kopp: Weil die Bedingungen immer schwieriger werden. Wir haben im Prinzip nicht zu wenige Hebammen, sondern einen Mangel an Hebammenleistungen.

Hebamme Gabriele Kopp.

Liegt das auch an der Bezahlung?

Kopp: Selbstverständlich. Ich bekomme als freiberufliche Hebamme für einen 45-minütigen Wochenbettbesuch circa 38 Euro brutto. Davon bleiben mir am Ende 16 Euro netto übrig, wenn ich alle Kosten abgerechnet habe. Davon kann man schlecht leben. Einem Installateur zahle ich 80, 90 Euro die Stunde. Aber als Hebamme habe ich mehr Verantwortung, nämlich für zwei Menschenleben.

Ein großes Problem sind Engpässe bei der Nachsorge der Wöchnerinnen. Was hat das für konkrete Folgen? Welche Alternative bleibt den Frauen?

Kopp: Das merken vor allem die Kinderärzte und Gynäkologen, denn die Frauen gehen im Notfall in eine Praxis.

Man muss das Problem auch langfristig betrachten: Hat eine Frau Stillprobleme und es fehlt eine Hebamme, die ihr dabei hilft, greift die Mutter unter Umständen schnell zu künstlicher Ernährung. Es ist aber inzwischen erwiesen und langjährig evaluiert worden, wie wichtig das Stillen für die Gesundheit des Kindes und der Mutter ist. Es wirkt sich auf die spätere Sprachentwicklung des Kindes aus und stärkt sein Immunsystem. Frauen, die stillen, haben seltener Brustkrebs.

Wenn man die Arbeit der Hebammen nicht entsprechend wertschätzt, hat das unter Umständen schwerwiegende Folgen. Das macht mich sehr traurig.

Im Wochenbett hat eine Frau Fragen und manchmal auch Probleme. Sie sollte zuhause bleiben und von der Hebamme dort aufgesucht werden und nicht umgekehrt. Wochenbettambulanzen, die von den Wöchnerinnen aufgesucht werden sollen, sind für mich keine gute Lösung.

Können Frauen überhaupt noch ihre Kinder zuhause zur Welt bringen? Gibt es dafür Hebammen?

Kopp: Das ist ganz, ganz, ganz schwierig. Ein Grund sind die hohen Beiträge für die Berufshaftpflicht: Das sind im Jahr 8600 Euro im Jahr, die von der Hebamme vorgestreckt werden müssen. Am Ende bleiben 2000 Euro, die wir selber zahlen müssen. Die Beiträge steigen Jahr für Jahr.

Der starke Anstieg der Beiträge für die Berufshaftpflicht hat in der Vergangenheit vielen Hebammen die Existenz gekostet. Hat sich da was verändert?

Kopp: Wenn eine Hebamme außerklinisch in der Geburtshilfe arbeitet oder als Beleghebamme in einem Krankenhaus, muss sie sich selber versichern.

Nach massiven Protesten, die vor acht Jahren begonnen haben, hat sich was getan. Der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat für den sogenannten Sicherstellungszuschlag gesorgt. Das bedeutet, dass wir von den Krankenkassen das Geld zurückbekommen aber am Ende immer noch 2000 Euro selber zahlen müssen.

Das ist immer noch ein großes finanzielles Risiko. Deshalb haben viele Hebammen die außerklinische Geburtshilfe aufgegeben.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Was muss politisch passieren, um an diesen Missstand etwas zu ändern?

Kopp: Wir kämpfen seit 20 Jahren darum, dass wir eine bessere Ausbildung bekommen, nämlich, wie in der EU üblich, eine akademische Ausbildung. Da sind wir in Europa an drittletzter Stelle. In allen anderen Ländern ist die Hebamme ein akademischer Beruf und damit auf Augenhöhe mit vielen anderen Berufen.

Laut EU-Recht muss im Januar 2020, den Hebammen in Deutschland ermöglicht werden, den Beruf auf akademischem Weg zu erlenen. Wir haben aber immer noch keine Zusage von der deutschen Politik. Es ist alles immer noch völlig im Unklaren. Auch die Hebammenschulen befinden sich in einer großen Planungsunsicherheit. Wie haben in Hessen fünf Hebammenschulen, die nicht wissen, wie es jetzt weitergeht.

Dabei haben wir so mühsame Gespräche geführt. Ich habe Briefe an Politiker geschrieben, auf die nicht reagiert wurde.

Wenn wir studieren könnten, wäre das ein großes Plus für unser Ansehen. Unser Beruf ist so vielfältig geworden. Wir sind ja nicht nur medizinisches Fachpersonal, wir arbeiten auch auf psychosozialem Gebiet. Dabei darf die praktische Ausbildung natürlich nicht außer Acht geraten.

Wie steht es um die angestellten Hebammen?

Kopp: Deren Situation ist ebenfalls dramatisch. Eine Erhebung hat ergeben, dass Hebammen in Kliniken oft bis zu sechs Frauen unter der Geburt gleichzeitig betreuen müssen. In anderen EU-Ländern gibt es eine Eins-zu-eins-Betreuung. Deutsche Hebammen stehen unter extrem hohem Arbeitsdruck. Das hält keine durch. Der Stress führt dazu, dass 80 Prozent der Hebammen nicht mehr Vollzeit arbeiten.

In Kassel haben wir zurzeit statt vier nur noch zwei Kreißsäle in Klinikum sowie das Geburtshaus und das Heilhaus. Wir haben aber nicht weniger, sondern mehr Geburten und das bedeutet, dass sich alles konzentriert und die Hebammen überlastet sind.

Wie sehen Sie die Zukunft des Berufsstands Hebamme?

Kopp: Ich hoffe, dass unser schöner Beruf nicht ausstirbt, aber dafür müssen die Bedingungen wieder so werden, dass junge Frauen Lust haben, diesen Beruf zu erlernen.

Es muss finanziell attraktiver und die Ausbildung muss aufgewertet werden. Hinzu kommt die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung, die wir häufig vermissen.

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