Gäste verunsichert

Kombinatsgaststätte hat durch Flüchtlingsheim Einbußen

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Weiß nicht weiter: Lothar Jöckel von der „Kombinatsgaststätte“ hat jedes Mitgefühl für die Flüchtlinge, die gegenüber dem Gasthaus vor zwei Wochen eingezogen sind. Allerdings blieben nun die Kunden für das Gasthaus auf der Marbachshöhe weg.

Kassel. Als die Mitarbeiter der „Kombinatsgaststätte“ auf der Marbachshöhe vor zwei Wochen erfuhren, dass nebenan ein Flüchtlingsheim eröffnet, unterstützten sie die neuen Nachbarn spontan.

Nicht benötigtes Mobiliar wurde für die 200 Menschen der Erstaufnahmeunterkunft bereitgestellt. Doch nach wenigen Tagen war klar, dass das Überleben des Gasthauses auf dem Spiel steht. Denn viele Gäste bleiben nun weg.

„Das Problem sind nicht die Flüchtlinge, sondern Gerüchte über die Zustände, die hier jetzt herrschen würden“, sagt Lothar Jöckel, der sich um die kaufmännischen Angelegenheiten des Gasthauses von Küchenchef Michael Groth kümmert. In den vergangenen Tagen hätten etliche große Gruppen ihre Reservierungen storniert, so Jöckel. Das Gasthaus lebe von den vielen Stammtischen, Vereinen und Gruppen, die sich dort regelmäßig treffen. „Zum Mittagstisch bleiben nun aber 70 Prozent der Kunden weg, abends kommt nur noch die Hälfte.“

Auch das Geschäft mit den Weihnachtsfeiern sei eingebrochen. Bisher gebe es nur eine Anfrage. Vergangenes Jahr habe die seit fünf Jahren bestehende „Kombinatsgaststätte“, die im Stil der DDR eingerichtet ist und in der es die dort einst typischen Speisen gibt, 60 Feiern ausgerichtet. Auch am Montag, als die HNA vor Ort war, waren zur besten Mittagessenszeit nur drei Tische in der großen Gaststätte besetzt.

„Warum abgesagt wird, das spricht keiner offen aus“, sagt Jöckel. Für den 64-Jährigen liegen die Gründe auf der Hand: Viele fühlten sich durch die Flüchtlinge, deren Unterkunft inklusive Dixi-Klos und Müllcontainer in zehn Meter Entfernung zur Gaststätte liegt, verunsichert. Um den Bedürfnissen der Gäste entgegenzukommen, wurden Scheiben in den Gasträumen bis zur Hälfte ihrer Höhe mit Milchglasfolien abgeklebt. So soll der direkte Blick auf die Unterkunft verhindert werden. Das für die Flüchtlingsunterkunft zuständige Regierungspräsidium hat ebenfalls einen Sichtschutz aufgebaut, um die Einrichtungen stärker zu trennen.

„Wir machen alles möglich, um den Gasthausbetreibern entgegenzukommen. Auch der Regierungspräsident hat sich vor Ort ein Bild gemacht. Es lässt sich im Detail manches nachbessern, aber die Unterkunft wird für die nächsten Monate notwendig sein“, sagt Harald Merz, Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel.

In dieser Hinsicht macht sich auch Jöckel keine Illusionen: „Wir haben uns mit der Situation arrangiert. Wir hoffen, dass sich auch unsere Gäste arrangieren.“ Nicht förderlich seien dabei Gerüchte, Flüchtlinge würden Gäste anbetteln oder belästigen. Dies sei unwahr. Wenn die Kundschaft weiter wegbleibe, sei unklar, wie lange der Betrieb mit 24 Mitarbeitern – die Hälfte sozialversicherungspflichtig beschäftigt – bestehen könne.

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