Gastro-Geschichte: Wirte als Straßenblockierer

Als sich die Region Kassel in der Kaiserzeit immer mehr zum Standort von Industrie und Gewerbe wandelte, folgten auch Wirte und Hotelbesitzer dem Trend, sich zu einem Berufsverband zusammenzuschließen.

Bereits seit 1869 existierte in Kassel ein Zusammenschluss der Gasthofbetreiber. 1890 dann sammelte Friedrich Ritter, der Gastronom des Oberstadtbahnhofs, 42 Kollegen um sich und gründete den „Casseler Wirteverein“.

Ritter trug diese Idee auch in andere Städte, wo ebenfalls solche Vereine entstanden. Zum 1. Delegiertentag des Mitteldeutschen Gastwirte-Verbands trafen sich im Juni 1894 Vertreter aus 14 Stadtverbänden in Kassel, wo Ritter eine Fachschule für Koch- und Kellnerlehrlinge gegründet hatte. Die Themen waren damals ähnlich wie im Dehoga-Verband heute: Es ging etwa um die Verkürzung von Sperrzeiten und um die Abschaffung der preußischen Schankbetriebssteuer.

Gründungsvorsitzender Ritter wurde in den Bundesvorstand der Gastwirte Deutschlands gewählt und zog deshalb nach Berlin. Einer seiner Nachfolger in Kassel war Alfred Hartleb, der erste Ratskeller-Wirt nach der Eröffnung des neu erbauten Rathauses 1909. Wie Ritter engagierte sich Hartleb verbandspolitisch sowie auch als Stadtverordneter.

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Gäste heute wählerischer denn je

1922 war Kassel erstmals Schauplatz einer großen Gastronomieausstellung. Im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde der Kasseler Wirteverein dann aufgelöst. Jüdische und politisch unangepasste Gastronomen wurden schon vorher unter Druck gesetzt – so der aus Holland stammende Samuel de Jong, der für seine koschere Küche berühmt war und sein „Hotel Emanuel“ an der Bahnhofstraße 1 zu einem Feier-Mittelpunkt jüdischen Lebens in Kassel gemacht hatte. De Jong ging 1933 in die Niederlande zurück.

Traditionshäuser in Trümmern

Nach der Kriegszerstörung funktionierte Kassels Gastronomie nur behelfsmäßig und auf Bezugsmarken – die historischen Hotels und Gaststätten wie das berühmte „Residenz-Kaffee“ waren vernichtet. 1952 hatte Kassel aber schon wieder 250 Hotelbetten, drei Jahre später zur Bundesgartenschau und ersten documenta waren es 1800. Parallel war der Gastronomieverband Dehoga entstanden und hatte im Raum Kassel zu dieser Zeit 431 Mitglieder.

Mit der Gastarbeiterwelle ab den 1960er-Jahren begannen ausländische Lokale die Kasseler Szene zu beleben. Ein Dauerbrenner der folgenden Jahrzehnte wurde der Kampf gegen die Getränkesteuer: Als eine rot-grüne Rathausmehrheit sie Anfang der 1990er-Jahre wieder einführen wollte, organisierten Kassels Wirte eine nie dagewesene Widerstandskampagne, die in einer nächtlichen Blockade der Friedrich-Ebert-Straße gipfelte. (asz)

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