Viele haben sich andere Jobs gesucht

Keiner will mehr kellnern - Personalsorgen im Kasseler Gastgewerbe

Jadranka Gveric arbeitet bereits seit vielen Jahren im Kasseler Restaurant Eckstein.
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Personal im Gastgewerbe ist gefragt: Jadranka Gveric arbeitet bereits seit 26 Jahren im Kasseler Restaurant Eckstein. Nicht nur dort wird innerhalb der Gastronomie-Branche derzeit dringend Verstärkung im Service gesucht.

Nach der Lockdown-Durststrecke sind Biergärten, Restaurants und Cafés wieder zunehmend mit Gästen belebt, doch nun fehlt vielen Wirten das Personal.

Kassel – In der Pandemiezeit haben sich viele Gastro-Beschäftigte auch in Kassel andere Jobs gesucht. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) spricht mit Verweis auf Zahlen der Arbeitsagentur von einer dramatischen Abwanderung. Demnach haben im Lauf des Vorjahres 1200 Küchen-, Hotel- und Servicekräfte in Kassel der Branche den Rücken gekehrt – das ist fast ein Fünftel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im örtlichen Gastgewerbe.

Auch der Arbeitgeberverband Dehoga bestätigt diese Entwicklung. Viele hätten sich umorientiert in Bereiche wie Einzelhandel, Bürojobs und Logistik, die berechenbarere Arbeitszeiten und oft bessere Bezahlung bieten, sagt Dehoga-Regionalgeschäftsführer Oliver Kasties. Für die Gastro-Betriebe sei es „die große Aufgabe, die Bedingungen attraktiver zu gestalten“, um als Arbeitgeber konkurrenzfähig zu sein.

Laut Kasties wird sich der volle Umfang des Problems erst noch zeigen, da momentan viele Gastbetriebe nach wie vor eingeschränkt arbeiten und es auch kaum bereits größere Veranstaltungen gibt. Im kommenden Jahr aber dürfte sich der Personalbedarf in Kassel ganz besonders bemerkbar machen. Denn inzwischen steht fest, dass die documenta fifteen wie geplant stattfinden wird – mit hunderttausenden Besuchern aus der ganzen Welt, die beherbergt und gastronomisch versorgt werden wollen.

Gegen die Personalnot in der Gastronomie haben Dehoga und Jobcenter Kassel jetzt gemeinsame Initiativen angekündigt: Nach den Sommerferien soll es Veranstaltungen geben, um Gastro-Einsteiger und -rückkehrer über Job-Angebote und Karrierechancen zu informieren. Zugleich sollen Arbeitgeber beraten werden, wie sie Fördermöglichkeiten nutzen und erfolgreicher bei der Personalsuche sein können.

Wichtige Faktoren dabei seien aus Dehoga-Sicht „eine angemessene Bezahlung und wertschätzende Rahmenbedingungen“. Das sieht die Gewerkschaft NGG ähnlich, wenn auch kritischer: Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Azubi-Abbruchquote seien nur einige strukturelle Probleme. „Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, sagt NGG-Regionalgeschäftsführer Andreas Kampmann. (Axel Schwarz)

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