Stadtentwicklung

Mehr Gastronomie in Kassel: Cafés und Restaurants sorgen für Anziehungspunkte in der Innenstadt

Die Außentische auf dem neu gestalteten Randbereich des Friedrichsplatzes in Kassel, hier die Plätze der Pizza- und Pastabar Avanti
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Logenplatz zum Beobachten des städtischen Treibens: Die Außentische auf dem neu gestalteten Randbereich des Friedrichsplatzes sind bei schönem Wetter immer heiß begehrt.

Nur einkaufen war gestern: In Kassels Fußgängerzone sind an vielen Stellen Café- und Restaurantbereiche im Freien entstanden. Das sorgt für Belebung und nützt auch den Geschäften.

Kassel – Für Shopping-Touren mit langer Einkaufsliste wird in der Innenstadt von Kassel eher in der Vorweihnachtszeit angesteuert. An schönen Sommertagen drängt sich das Publikum weniger in Geschäften, sondern an den Außentischen vieler Cafés und Restaurants zum Sehen und Gesehenwerden. Während Modekettenläden sich zunehmend aus dem Zentrum zurückziehen, ist dort die Gastronomie in den vergangenen Jahren immer stärker zum Anziehungspunkt geworden – und zum sichtbaren Treiber des innerstädtischen Wandels.

Diese Entwicklung hat in Kassel schon einige Zeit vor der Pandemie eingesetzt. Nahezu jede nutzbare Ecke zwischen Friedrichs- und Scheidemannplatz, Treppenstraße und Entenanger wurde von Wirten und Cafébetreibern zur einladenden Pause gestaltet, in aller Regel mit ansprechendem Mobiliar und Blumenschmuck. Abgetrennte Bewirtungsbereiche am Bürgersteig, um die Gastronomen früher oft hart mit dem Ordnungsamt gerungen haben, sind vielerorts offenbar kein Problem mehr.

Mehr Gastronomie in Kassel: Cafés und Restaurants sorgen für Anziehungspunkte in der Innenstadt

Wo sich der Einzelhandel zurückzieht, stößt die Gastronomie in die Lücke. Beispielhaft kann man das sehen an der Opernstraße zwischen Kaufhof und C&A, wo statt früherer Modegeschäfte die Lokale Lê & Vi, Eat Greek und Salotto 1828 nun eine geschlossene Gastrozeile bilden.

Neue Hotspots zur Einkehr beim Stadtbummel entstanden unter anderem auch ober- und unterhalb des Königsplatzes, an der Treppenstraße, am Florentiner Platz und an vormals schwierigen Randlagen des Friedrichsplatzes: Das Tagescafé im Fridericianum ist gut frequentiert, unter dem benachbarten Portikus des Modehauses Sinn soll demnächst ein Café eröffnen. Auf der Platzseite gegenüber ist seit dieser Woche der „Digitale Biergarten“ in Betrieb. Per Handy können sich Gäste dorthin Speisen aus umliegenden Innenstadtlokalen liefern lassen.

Wandel in Kassel: Mehr Cafés und Restaurants

„Das ist ein großes Thema, da findet ein kompletter Wandel statt“, sagt Vorsitzender Alexander Wild von den City-Kaufleuten über das Vordringen der Gastronomie. Den Geschäftsbetreibern nütze es, wenn auf diese Weise „Anziehungspunkte im Umfeld des Einzelhandels“ geschaffen würden. Nur wegen einzelner Besorgungen würden sich die Menschen immer seltener in die Innenstadt bemühen; da brauche es Anreize zur Belebung. „Das hat auch die Stadt Kassel erkannt“, sagt Wild. Er finde es gut, dass das Rathaus bei gastronomischen Aktivitäten „deutlich genehmigungsfreudiger“ sei als noch vor Jahren.

Unter den Platanen: Der Königsplatz ist vor allem im unteren Bereich von schattigen Gastgärten gesäumt.

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie erlässt die Stadt Kassel darüber hinaus den Wirten seit Frühjahr 2020 die Sondernutzungsgebühren, die für Außentische an Straßen und Plätzen normalerweise fällig werden. Zunächst gilt das befristet noch bis Ende Oktober. „Dies führt nicht nur im Innenstadtbereich dazu, dass von Gastronomen mehr Fläche für Außengastronomie in Anspruch genommen wird“, sagte ein Rathaussprecher. Aus Sicht der Stadt trage das größere Angebot „zu einer verbesserten Aufenthaltsqualität und einer Erhöhung der Attraktivität der Innenstadt“ bei.

Nicht allein das Publikum profitiert von dem Gastronomie-Boom in Kassels Zentrum. Einige weitere Aspekte:

Chance für Lokalmieter
Da sich klassische Einzelhändler vermehrt aus langjährigen Geschäftsräumen im Zentrum zurückziehen, finden gastronomische Anbieter leichter einen guten und rentablen Standort. Laut der Immobilien-Beratungsfirma JLL liegt der Anteil der Gastronomie bei Neuvermietungen in deutschen Innenstädten inzwischen bei 20 Prozent und damit doppelt so hoch wie vor wenigen Jahren.

Gastronomie bringt Kunden
Cafés, Restaurants und Gastgärten in der Innenstadt wirken als Publikumsmagnet für den umliegenden Einzelhandel. So haben Untersuchungen gezeigt, dass Besucher in Einkaufszentren 15 Prozent mehr Geld ausgeben, wenn es dort solche Lokale gibt. Die Kunden verbringen dann ein Drittel mehr Zeit in den Galerien. Wohl vor diesem Hintergrund hat der City-Point am Königsplatz vor gut fünf Jahren seine oberste Etage zur Gastro-Zone mit diversen Anbietern und 200 gemeinsamen Sitzplätzen ausgebaut.

Flotter Service zählt
Neben shoppenden Gelegenheitsbesuchern werden die Innenstadtlokale von tausenden Berufstätigen in der City frequentiert, die dort ihre Mittagspause verbringen. Beide Kundengruppen sind mit schnellen Konzepten am besten anzusprechen. Für Restaurants, die umfangreichere Menüs abseits des Straßentrubels servieren, ist die Lage nahe der Fußgängerzone nur bedingt geeignet. So hat sich für zwei Restaurantflächen in der Königs-Galerie lange kein Nachmieter gefunden, eine davon wurde inzwischen zu Büros umgewidmet. Das „Avanti“ im Tiefgeschoss läuft hingegen gut – nicht zuletzt wegen seiner attraktiven Außenbereiche am Florentiner Platz und am Rand des Friedrichsplatzes.

Schaufenster für Trends
Wegen der hohen Publikumsdichte im Zentrum können auch kleinere Anbieter auf ihre Kosten kommen, die Kunden mit neuen Gastro- Trends gewinnen wollen: Eine zuletzt wachsende Zahl von Ladenbetreibern lockt mit Donuts, Bubble Tea und Poké Bowls ein junges, Instagram-affines Publikum. Werden geeignete Standorte für solche Konzepte frei, sind sie schnell wieder belegt.

Auch Tradition hat ihren Platz
„Die jungen Leute wollen es schnell und günstig“, kommentiert Nergül Toprakci, die seit 2008 das Restaurant Königskeller am Königsplatz betreibt. Dort geht es ungeachtet allen Innenstadt-Wandels seit jeher traditionell zu, mit Deftigem wie Eisbein, Klopsen, Schmandschnitzel und Weckewerk auf der Karte sowie einem treuen Stammpublikum im reiferen Alter.

Mehr Gastronomie in Kassel: In den letzten Jahren ist „viel dazu gekommen“

In den letzten Jahren sei „viel dazu gekommen“ in der Gastro-Nachbarschaft, sagt die Wirtin und berichtet auch von Problemen, die das mit sich bringe: mehr Müll, mehr Lärm, weniger Rücksicht und der Eindruck, dass der Trubel vielen Menschen auf die Laune schlage. „Ich kenne das alles hier noch von früher“, sagt Toprakci.

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Aber dass heute mehr los ist am Königsplatz und in der umliegenden Fußgängerzone, das habe auch seine guten Seiten. Vor allem bei Innenstadt-Veranstaltungen liefen die Geschäfte gut. Alles sei belebter, auch mit jüngerem Publikum. Da entdecke manch einer erstmals, dass man die Eltern auch mal in den Königskeller ausführen könne. (Axel Schwarz)

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