Mit Gebärden singen 

Chor ohne Töne: Gehörlose standen im Mittelpunkt des Selbsthilfetages

Gesang ohne Worte: Der Gehörlosenchor drückte sich in Gebärdensprache aus. Foto: Dilling

Kassel. Wer ein körperliches Handicap hat, kann unter Ausgrenzung und Einsamkeit leiden. Bis vor dem Ersten Weltkrieg hätten darunter die Gehörlosen schwer gelitten. „Sie sind diskriminiert worden“, sagt Dietrich Tschirner, Vorsitzender des Allgemeinen Gehörlosenvereins (AGV) Kassel, der 120 Mitglieder in Nordhessen zählt.

So richtig gut sei die Situation auch heute noch nicht: Es gebe zu wenige Filme und Fernsehsendungen mit Untertiteln. Und tauben Menschen würden noch zu selten Dolmetscher bezahlt, um ihren Alltag besser zu bewältigen.

Der AGV, der 125-jähriges Bestehen feiert, stand am Wochenende im Mittelpunkt des Kasseler Selbsthilfetages auf dem Friedrichsplatz. 38 der inzwischen 236 Gruppen, die von der Kontakt- und Informationsstelle des Gesundheitsamtes (KISS) betreut werden. Die Besucher lernten dabei die Sprache kennen, mit der Gehörlose ihrer Isolation entfliehen: Mit Gebärden und Handzeichen kann man sogar „singen“, ohne einen Ton hervorzubringen, wie der Chor der Gehörlosengemeinde der evangelischen Gemeinde dem Publikum bewies. Die Zuschauer lernten dabei sogar einige Worte in Gehörlosensprache. Sie applaudierten mit heftigem Winken statt Klatschen.

Chronische Krankheiten, körperliche, seelische Handicaps und Süchte beeinträchtigen auf unterschiedliche Weise die Lebensqualität der Betroffenen. An den Infoständen beim Selbsthilfetag konnte man sich einen Überblick verschaffen. „Viele können sich mit dem Gerät in ihrem Körper nicht abfinden und leben in ständiger Angst. Sie schlafen nachts schlecht und kommen mit den Nebenwirkungen der Medikamente nicht klar“, berichtete Manuela Kramm von der Herzschrittmacher- und Defibrillator-Selbsthilfegruppe, die, wie vier weitere, noch junge Gruppen, zum ersten Mal beim Selbsthilfetag mitmachte.

Oft sind es Dinge, bei denen sich Patienten durch Ärzte nicht ausreichend unterstützt fühlen, die in den Gruppen besprochen werden. Häufig finde man erst durch Erfahrungsaustausch mit Leidensgenossen heraus, was einem guttut, erzählte Annette Ufer von der Selbsthilfegruppe gegen Nahrungsmittelunverträglichkeit. Dort informierte sich Stefanie Scholz-Wambach über Produkte, die Beschwerden auslösen können. Ihr Sohn leide unter einer Kuhmilchunverträglichkeit, berichtete sie. Durch dieses Handicap habe sie gelernt, bewusster einzukaufen und sich gesünder zu ernähren, sagte die Kasselerin. (pdi)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.