Ende der 1950er-Jahre

Gebaut von der Firma Wegmann in Kassel: Geheimer Luxuszug für den Schah

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Bei Wegmann in Kassel hergestellt: Der Salonwagen für den Schah von Persien war Luxus auf Schienen. Er wurde im Mai 1959 ausgeliefert und über Rotterdam verschifft. Vorn ist der Panoramawagen zu sehen.

Kassel. Dieser Zug hatte alles, was man sich an Komfort auf Schienen vorstellen konnte. Gebaut wurde er unter strenger Geheimhaltung Ende der 1950er-Jahre bei Wegmann in Kassel. Auftraggeber war der Schah von Persien, Reza Pahlavi.

Der war damals einer der reichsten und schillernsten Figuren auf der politischen Bühne. „Alles war vom Feinsten, Geld spielte keine Rolle“, sagt Erhard Rininsland (78). Der Ingenieur hat selbst viele Jahr bei Wegmann gearbeitet, die Fotos stammen aber von seinem Vater Wilhelm. Der war ebenfalls Ingenieur und arbeitete in der 50 Mann starken Konstruktionsabteilung von Wegmann.

ErhardRininsland

Die Firma gehörte damals gemeinsam mit Credé zu den führenden Waggonbauern in Deutschland und Europa. In Kassel wurden komfortabel ausgestattete Salonwagen für die halbe Welt von Südafrika über Guinea und Tunesien bis nach Jugoslawien gebaut. Der Schah hatte einen ganzen Salonzug bestellt. Der werde unter größter Geheimhaltung bei Wegmann gebaut, schrieb die Hessische Allgemeine im Mai 1959.

Landkarte mit Edelsteinen

Trotzdem sickerte einiges durch. In vier Expresszugwagen sei alles vorhanden, was ein Staatsoberhaupt des 20. Jahrhunderts brauche, stand damals in der Zeitung. Von der Funkanlage bis zur modernen Küche und dem großzügigen Bad. Im letzten Wagen gebe es sogar eine Rampe, damit der Fuhrpark an Luxusautos des Schahs mitfahren könne. Und an der Kasseler Werkkunstschule werde eine Landkarte aus weißem Leder hergestellt, bei der die Städte mit Edelsteinen markiert seien.

Bei Wegmann in Kassel hergestellt: Der Salonwagen für den Schah von Persien war Luxus auf Schienen. Er wurde im Mai 1959 ausgeliefert und über Rotterdam verschifft. Vorn ist der Panoramawagen zu sehen.

Kein Wunder, dass der weiß, blau und beige lackierte Zug bei seiner Ausfahrt vom Werksgelände Aufsehen erregte. Über Frankfurt und Aachen rollte der Zug nach Holland, wo er in Rotterdam auf ein Schiff Richtung Persien (heute Iran) verladen wurde. Trotz des großen Interesses sei der Zug für Reporter tabu gewesen.

Für einige Mitarbeiter von Wegmann galt dieses Verbot offenbar nicht. Erhard Rininsland hat das Fotoalbum von seinem Vater geerbt. Der sei damals ebenso wie seine Kollegen sehr stolz auf diesen besonderen Zug gewesen.

So viel Luxus sei bei Wegmann wohl nie zuvor und auch nie danach verbaut worden. Ein Beispiel: Die Zierleisten im Schlafwagen wurden aus Blattgold angefertigt. „Dafür kamen damals Spezialisten aus Bayern, die sonst in Kirchen und Schlössern gearbeitet haben“, erinnert sich Erhard Rininsland. Und dann war da noch der Panoramawagen mit Rundumblick. Ob die Fenster auch schusssicher waren? Wahrscheinlich schon, aber das war natürlich geheim.

Rollendes Hotelzimmer: So sah der Schlafwagen in einem der Waggons des Luxuszuges aus. Die Zierleisten waren aus Blattgold handgefertigt.

Nach Angaben des Online-Lexikons Wikipedia existiert der Zug übrigens noch. Demnach ist er in einer Halle in Teheran untergestellt.

Waggonbau und Panzer

Die Kasseler Waggonfabrik _Wegmann wurde 1882 gegründet. Ab 1917 produzierte die Firma auch Panzer. Im Zweiten Weltkrieg lieferte man die Panzertürme für Henschel. Nach dem Krieg wurden zunächst Eisenbahnwaggons instandgesetzt und später auch gebaut. Bis Mitte der 1970er-Jahre baute Wegmann Erste-Klasse-Wagen, Speise- und Schlafwagen sowie Salonzüge. Seit 1999 gehört die Firma zum Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW).

In einer zweiten Folge zeigen wir Fotos von weiteren Salonwagen und dem Henschel-Wegmann-Zug.

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